Google-Anzeigen

Report | Mittwoch, 14. März 18

bild_klein_0000012628.jpg
Gockel Harry mit Hennen. Die Kinderbuchidylle von Hühnern in freier Natur ist eine Wunschvorstellung. Wir fanden ein seltenes Tierparadies hoch über Passau.(Foto: Tobias Köhler)
Eierskandal

Wo gibt´s glückliche Hühner?

Auf dem Passauer Samstagswochenmarkt am Domplatz waren die Eier im Nu ausverkauft. „Wir hätten heute die doppelte Menge dabei haben können“, sagt die Standlfrau im Verkaufswagen einer Birnbacher Metzgerei. Das Bio-Siegel im Supermarkt sei keine Qualitätsgarantie, beginnt sie mit dem Eierkunden ein Gespräch. Das habe sich jetzt wieder gezeigt.

Zum Endspurt des Bayern-Ei-Untersuchungsausschusses, ein Lebensmittelskandal, der 2014 die Verbraucher verstörte, bringen wir diese Reportage rund ums Ei, die im Heft Nr. 108, September 2017, erschien. Hier war der Anlass der Lebensmittelskandal um Milbengift.

Mit Milbengift verseuchte Eier aus Belgien und den Niederlanden, 10 Millionen, vielleicht sogar 30 Millionen, waren auf dem deutschen Markt gelandet. Eine Reinigungsfirma hatte in den Massenhühnerställen offenbar ein rumänisches Produkt mit dem verbotenen Insektizid Fipronil verwendet. Aus dem Stall gelangte es über die Hennen ins Ei und auf den Tisch. Gesundheitsschäden hat jedoch niemand davongetragen, dafür war die Konzentration in den Eiern zu gering. Eine bekannte Verbindung: Massentierhaltung und chemische Keule. Die Tagesschau zeigte, wie eingepferchte Käfighühner mit einer Hochdrucklanze geduscht werden, erinnert uns damit kurz an die geschundenen Kreaturen.

Lebensmittelskandale lassen Verbraucher kurz hochschrecken. Ihr Einkaufsverhalten ändern langfristig die wenigsten.

Gibt es keine glücklichen Hühner mehr, deren Eier man direkt ab Hof kaufen? Reporter Hubert Denk hat mit dem Auto die Passauer Umgebung erkundet, Kollege Ben Balzereit besuchte den Wochenmarkt, um zu erfahren, von welchen regionalen Eierlieferanten die Händler ihre Ware beziehen. Beide stießen, man hätte es nicht vermutet, auf Hühnerherbergen, die das Herz erfreuen. Denk holte sich legefrische Eier auf einem klitzekleinen Hühnerhof am Kühberg hoch über Passau; Balzereit kam mit der Adresse eines großen Bio-Hühnerhofs in dem Dorf St. Roman im Bezirk Schärding zurück.

Am Freitagswochenmarkt: Rudi Diemen, ein kleiner älterer Herr in blau kariertem Hemd steht hinter seinem langen Markttisch unter grünen Markisen. Die Rückseite des Standes hat er mit Deutschlandflaggen dekoriert. „Verbrecher sind das!“, echauffiert er sich über den Fibronilskandal. „Die haben die Hühner nicht nur eingespritzt, das Zeug muss irgendwie ins Futter gelangt sein“, mutmaßt er laut.  Diemens Gesicht nimmt die Farbe der Radieschen in seiner Gemüsekiste an. „Und alles nur, weil die Leute Eier für 2 Pfennige wollen!“  Er bietet Eier vom eigenen Hof in Beutelsbach für 2,50 Euro die Zehnerpackung an.

Jeder Eierkauf ein Votum
Hühner haben keine Lobby. Letztendlich entscheidet der Verbraucher, wie viel Lebensraum und Futterqualität  ihnen zusteht. Jeder Eierkauf ist ein Votum: mehr Käfig- oder mehr Biohaltung? Die Nachfrage bestimmt das Angebot und hat Auswirkungen auf die Produktion. 

Luftlinie ein Kilometer südlich, hoch über Passau. Ein Hof nahe dem Kühberger Sendemast: Evi Karlstetter, helle Bluse und dunkelblaue, kurze Hose, stellt den Schubkarrn ab und füllt im Nebengebäude eine alte Eierschachtel. Macht drei Euro. „Seit dem Eierskandal haben wir mehr Kunden“, erzählt sie.

bild_klein_0000012632.jpg
Ein Hühnerleben wie im Paradies: 1 Hahn und 60 Hühner, macht 300 Eier pro Woche. Ein Blick in den Hühnerhof „Karlstetter“. (Foto: Tobias Köhler)
Die heiße Mittagssonne blinzelt durch Zwetschgen und Apfelbäume. Harry, der alte Gockel kräht, seine 60 schwarzen und braunen Hennen sind davon unbeeindruckt. Sie blicken neugierig den Besucher an, scharren im Laub, trinken Wasser aus einer Erdkuhle, picken frisches Gras. Ein Hühnerhof wie aus dem Bilderbuch.

„Kurz vor Sonnenuntergang dürfen sie das Gehege verlassen“, erzählt Tochter Michaela, ihr Baby im Arm. Die Gefahr, dass sich die Hühner über die Blumenbeete Was Biosiegel bedeuten hermachen, sei dann nicht mehr gegeben. „Wenn es dunkel wird, sitzen sie wieder auf der Stange.“ Hühner gehen mit der Sonne schlafen.
bild_klein_0000012631.jpg
Etwa zehn Prozent aller deutschen Legehennen, das sind ca. vier Millionen, leben in Käfighaltung. Sie liefern Billigeier für Discounter und die Lebensmittelindustrie. (Foto: Tobias Köhler)
Sie will die Hühnerhaltung auf  300 Stück aufstocken, im Nebengebäude einen richtigen Hofladen mit einer kleinen Wirtschaft einrichten.  „Das läuft sicher gut, es ist doch alles da“, sagte die Mutter und deutet auf Hof und Garten.

Ein Motorradfahrer stoppt seine schwere Maschine vor dem gelben Haus, setzt den Helm ab. Ein Eierkunde. „20 Stück, mehr habe ich nicht mehr“, sagt Karlstetter. Er packt die Schachteln in seine Kofferbox und scherzt: „Über das Pflaster der Lederergasse brauche ich jetzt nicht fahren, sonst habe ich Eierkuchen.“
Der nächste ist ein Stammkunde, ein Sportstudent, der mit nacktem Oberkörper den Berg heraufgejoggt kommt. Er wird auf morgen vertröstet. „Ich esse die Eier auch roh“, sagt er. Manchmal hole er sich 30 Stück die Woche, erzählt die Landfrau.

Zurück auf dem Kleinen Exerzierplatz. Am Wochenmarkt bietet Maria Kern im bunten Blumenkleid zwischen Enkelin Maria jun. und Sohn Alois ihre Ware feil. Seit dem Skandal sei die Nachfrage nach regionalen Eier rasant gestiegen, berichtet auch sie. Sie verkauft Eier aus Bodenhaltung von einem Bauern aus Sulzbach am Inn. Familie Kern hält selbst 100 Legehennen, darf deren Eier aber nur ab Hof verkaufen, weil sie nicht gestempelt sind. Ab 350 Hühnern ist der Herkunftsstempel Pflicht.

Ebenso glückliche Hühner wie bei den Karlstetters gibt es wahrscheinlich nur in Österreich. Dort herrschen strengere Gesetze als bei uns, auch für Großbetriebe.
Balzereit findet am Wochenmarkt eine Ortenburger Demeter-Gärtnerei, die Bio-Freilandeier aus dem Innviertel verkauft. „Zehn Quadratmeter Auslauf pro Tier sind bei uns Vorschrift“, sagt Bio-Bauer Johann Gradinger aus St. Roman im Telefonat. Seit 15 Jahren betreibt der 61-Jährige seinen Hühnerhof. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, wie deutsche Supermärkte Bio-Eier für 25 Cent anbieten können. Er habe von Betrieben mit 20.000 Hühnern in Sachsen gehört, die sich das Etikett "bio" anheften dürfen. „Bei Euch werden die männlichen Küken vergast, bei uns ist das nicht erlaubt“, erklärt er dem Reporter. Der männliche Nachwuchs wird aufgezogen und gemästet. 

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

09:05
Freitag
20. April 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

KULTURKALENDER
20.04. | Freitag
OPERNHAUS
Lucrezia Borgia
 

Oper von Gaetano Donizetti über die Papsttochter und Femme fatale Lucrezia Borgia (1480-1519). Es geht um Machtpolitik, blutige Intrigen und die Frage nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen in einer Welt voll Mord und Verrat.


19:30 Uhr | ab 8 Euro
KLAVIERHAUS MORA
Schubert Pur
 
bild_klein_0000013271.jpg

Der Passauer Pianist Peter Walchshäusl widmet sich dem facettenreichen Klavierwerk Franz Schuberts.


19:30 Uhr | 20 Euro, Schüler frei
SCHARFRICHTERHAUS
Christiane Öttl
 
bild_klein_0000013196.jpg

Soloprogramm der Passauer Musikerin. Lieder auf Niederbairisch, mit Humor und Tiefgang.


20:00 Uhr | 22 Euro, ermäßigt 10 Euro

BÜRGERBLICK AUF FACEBOOK

Google-Anzeigen