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Meinung | Freitag, 28. September 18

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Integrationsschule in Vilshofen, Unterkunft im Asylbewerberheim in Passau: Ahmad A. ist im Vorjahr täglich mit Bus und Bahn gependelt.(Foto: mediendenk)
Wenn Abschiebung die Falschen trifft

Ahmad A. (18): Vom Passauer Berufsschüler zum Staatsgefangenen

Vier Stunden, nachdem dieser kommentierende Beitrag ins Netz ging, zusammen mit vielen vorangegangenen Protesten, hat die niederbayerische Regierung Reaktion gezeigt: Der Fall Ahmad A. ist zur Einzelfallprüfung zurückgestellt, der Berufsschüler freigelassen worden.

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„Ich bin in Gedanken bei Ahmad A.“, schreibt ein junger Passauer Landtagskandidat. Die Gedanken, die er dann in seinem Netzauftritt formuliert, klingen nicht danach, dass er den Fall für den Wahlkampf ausschlachten will, sondern ihm wirklich ans Herz geht.

„Was wird sich Ahmad A. jetzt bloß denken?“, fragt sich die Angehörige einer Kirchenorganisation, die diesen jungen Mann persönlich kennengelernt hat. Sie kennt ein wenig seine Lebensgeschichte. Er hat sich als Kind aus Afghanistan aufgemacht, hat sich durch viele Länder wie Iran und Türkei geschlagen, sein Brot durch harte Arbeit verdient. "Er hatte nur ein Ziel vor Augen: Europa. Welches Land, war ihm offenbar egal."

Das Schicksal hat ihn nach Deutschland verschlagen, nach Bayern, wo er seit gestern das erste Mal in seinem Leben kennenlernt, was es heißt seine Freiheit zu verlieren, ein Gefangener zu sein. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und wird mit dem Schlimmsten bestraft, was man ihm derzeit antun kann: Zwangsdeportation zurück an den Ort, den er vor vielen Jahren verlassen hat, um frei und sicher zu sein.

Maulkorb für Schulleiter
Der zuständige Schulleiter hat gestern gegenüber der Heimatzeitung erklärt, dass sich die Polizei nicht an Absprachen gehalten habe, derartige Zwangsmaßnahmen vorher abzusprechen gewesen seien. Heute darf er sich nicht mehr dazu äußern. Er hat schriftlich von der Regierung einen Maulkorb erhalten. Offiziell würden sich er und seine Vorgesetzten gegen diesen Begriff verwehren, denn in ihrer Sprache übersetzt heißt der Maulkorb: "Für weitere Auskünfte ist ausschließlich die Pressestelle der Regierung Ansprechpartner."

Dem Berufsschüler war es nach der Festnahme nicht gelungen, seine Rechtsanwältin zu erreichen, da es noch früh am Morgen war. In der Schule und bei der Polizei war ihm die Möglichkeit gegeben worden, anzurufen. Die Antwort, ob die Kanzlei mittlerweile mit ihm Kontakt aufgenommen hat, steht noch aus. Die Anwältin, mit der er zuletzt vor sechs Monaten Kontakt hatte, sei heute mit Gerichtsterminen beschäftigt und vor Montag nicht erreichbar, heißt es. Nur der Rechtsbeistand könnte dem Abschiebehäftling eine Stimme geben. Der Sammelflug nach Kabul steht offenbar am 2. Oktober bevor.

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Ahmad A. mit Fußball auf der Wiese. "Wer mit 11 auf der Straße lebt und sich durchschlägt bis Europa, der hat mit 18 mehr Erfahrungsschatz als ein Erwachsener", sagt seine Betreuerin. (Foto: mediendenk)
Ob Ahmad A. am Montag eine Berufsausbildung oder eine Integrationsmaßnahme in Vilshofen beginnen sollte, darüber gab es widersprüchliche Angaben der Medien. Fakt ist dies: Am Montag sollte er in Vilshofen seine Ausbildung an der "Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung" beginnen. Einen Gesprächstermin, der mit seiner Beraterin am Donnerstag um 12 Uhr im Kalender stand, konnte er wegen der Festnahme nicht mehr wahrnehmen. Der Termin war auf seinen Wunsch hin in die Mittagszeit verlegt worden, weil er die Passauer Berufsschule nicht verpassen wollte.

"Rufen Sie beim Justizministerium an"
Der zuständige Anstaltsleiter in Eichstätt löffelt während des Telefonats mit dem Reporter seine Mittagssuppe. Hat der Passauer Berufsschüler bereits Kontakt mit einem Rechtsbeistand? Mit wie vielen Abschiebehäftlingen teilt er sich die Zelle? „Passau ist eine wunderschöne Stadt“, lenkt der Anstaltsleiter vom Thema ab. Der Reporter soll die Stadt schön grüßen, wenn er weitere Auskünfte wolle, beim Bayerischen Justizministerium anrufen.

Kommentar

Wollen wir künftig unsere Bildungsstätten zu Angststätten für junge Migranten werden lassen? Haben sich die Passauer Amtsrichterin und die beiden Polizeibeamten vor Augen geführt, was sie anrichten, wenn sie eine Festnahme zur Abschiebung in einem Schulgebäude vornehmen?

Eine Gesprächspartnerin hat sich heute Morgen über diesen Vorgang entsetzt gezeigt. Jeder junge Migrant, der auf dem Papier nur geduldet ist, wird sich künftig überlegen, ob die Schule für ihn ein sicherer Ort ist. Aber Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Die Betreuerinnen und Betreuer setzen deshalb alles daran, ihre Schützlinge in die Bildungseinrichtung zu bringen. Ein Staat, der dort mit Abschiebefestnahmen Angsträume schafft, ist kein menschenwürdiger.

Mit Verweis auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte verweigern Vertreter von Behörden und Organisationen, Journalisten bestimmte Auskünfte zu geben. Es diene dem Schutz des Bürgers. Das ist grundsätzlich richtig. Aber es kann den umgekehrten Fall geben, dass ein Mensch mit Namen und Gesicht in die Öffentlichkeit getragen werden muss, damit dieser geschützt ist. Der Fall Ahman A. ist ein solcher Fall. Der achtzehnjährige Berufsschüler hat keine Bürgerrechte und steht als Staatsgefangener vor der Abschiebung. Einen Rechtsbeistand, der sich für ihn öffentlich einsetzt, gibt es bis zur Stunde nicht.

Das erste Mal in seinem Leben, dessen Kindheit wir uns kaum ausmalen wollen, ist Ahmad A. die Freiheit genommen worden; ausgerechnet in Europa, in Deutschland, in Bayern, wo er glaubte, sicher und frei zu. "Es trifft immer die Falschen", sagt der Volksmund. "Es trifft immer die Falschen", sagt die Kirchenfrau, die ihn kannte. Beide haben recht.

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22. November 2019
 
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