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Nachrichten | Montag, 13. Mai 19

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Motiv aus der Werbung für einen Mittelalterladen im Westerwald, an dem einer der Armbrusttoten beteiligt sein soll.
Armbrust-Tragödie

Mit Testament zum Mittelalterfest

Passau/ Montabaur - Wer war dieser Mann, der von Pfeilen durchbohrt im Doppelbett der Waldpension lag? Die zwei Frauen, die an seiner Seite ebenfalls durch Armbrust ums Leben kamen, sind beide gut 20 Jahre jünger als er. Welche Verbindungen bestehen zwischen dieser tödlichen Schicksalsgemeinschaft? Eine Spur führt in ein Dorf, 600 Kilometer entfernt im Nordwesten.

Borod, eine alte Siedlung im Westerwald, 400 Einwohner, viel Wald, Wiesen und Landwirtschaft, dazwischen reihen sich an der Hauptstraße neue Einfamilienhäuser mit Gärten und alte Bauernhöfe. Es gibt keine Kirche, aber ein Feuerwehrhaus, ein Dorfwirtshaus und eine Grundschule. Dass zwei der Toten der Passauer Armbrusttragödie aus dem Westerwald kommen, haben viele Menschen hier aus dem Radio vernommen. Dass diese ihre Nachbarn waren, spricht sich gerade erst herum. Eine gebürtige Passauerin ist einer Partnerschaft wegen vor gut einem Jahr in diese abgeschiedene Gegend gezogen. "Ja, die Pension Triftsperre kenne ich gut", sagt sie und spricht gleich auf die Tragödie in der alten Heimat an. Dass diese eine direkte Verbindung mit ihrer neuen Heimat hat, entsetzt sie. "Meine Güte, das war er?", fragt sie. 

Die Boroder sind ein geselliges Völkchen. Ihre wenig befahrene Hauptstraße nutzen sie als Treffpunkt wie einen Marktplatz. Kartoffelknödel, die Spezialität des Ortes, kochen die Frauen an Festtagen in einem großen Bottich im Freien. "Die meisten bei uns sind Mitglied bei der Feuerwehr oder in der Kirmesgesellschaft", erzählt ein junger Mann. Doch diese beiden, die jetzt in Passau so mysteriös starben, der 54-Jährige und die 33-Jährige, frisch Zugezogene wie die Passauerin, ließen sich in der Dorfgemeinschaft nie blicken, auch nicht im Wirtshaus.

Den kräftigen, glatzköpfigen Mann mit Brille, dessen markanter weißer Bart bis zur Brust reichte, haben viele hier vom Sehen gekannt. Als er sich vor gut zwei Jahren in der Ringstraße das große Haus mit der Scheune kaufte, hat er zumindest mit den unmittelbaren Nachbarn ein paar Worte gewechselt. Seine jüngere Mitbewohnerin, die kleine Frau mit den schwarzen langen Haaren, galt als menschenscheu. Sie führte immer die beiden Hunde Gassi, einen kleinen Mischling und einen Schäferhund. Es soll ein schreckliches Erlebnis in ihrem Leben geben, dass sie nie verkraftet hat, erzählt man sich. Deshalb habe sie Männer gemieden. Der Weißbärtige habe sie aufgenommen, sei ihr zur Seite gestanden. Im Doppelbett der Waldpension lagen sie wie frisch Verliebte nebeneinander; ihre linke seine rechte Hand haltend. Hätten nicht sichtbar Pfeile in ihren Körpern gesteckt, man hätte sie für friedlich Schlafende gehalten.

In Borod sind heute vor dem großen Haus mit Scheune ein Dutzend Fahrzeuge aufgefahren; Kamerateams, TV-Reporter, Journalisten. Spätestens am Abend weiß jeder in dem Westerwälder Dorf, dass es eine furchtbare Verbindung mit der Armbrusttragödie in der Passauer Waldpension gibt.

Der Weißbärtige scheint vermögend gewesen zu sein, soll viele Geschäfte betrieben haben. Er hatte laut Nachbarn ein Tonstudio und einen Tätowierladen, war im Nachbarort an einem Mittelalterladen beteiligt. Sein mutmaßlicher Geschäftspartner legt das Telefon sofort auf. "Mit der Presse rede ich nicht." "Historische Kampfkünste, Waffenkammer und Rüstungen, Gewandung, Spirituosen, Showteam und Lager", heißt es in der Werbung im Netz, die einen bewaffneten Ritter in voller Rüstung zeigt.

Die Ermittler haben Anhaltspunkte, dass das ungleiche Boroder Paar und ihre 30 Jahre alte Begleiterin, eine lesbische Bäckereiverkäuferin aus Niedersachsen, ein Mittelalterfest in Österreich besucht haben. Dort  wird dieses Jahr das "Maximilianjahr" gefeiert, "500 Jahre Kaiser Maximilian", ein "wahrer Ritter." In Österreich haben sie nach der Aktenlage eine der drei Armbrüste erworben, die später im Zimmer der Toten gefunden worden sind. Diese Waffen kann jeder erwerben, der über 18 ist.

Die Burschen im Dorf erzählen mit Respekt von dem weißbärtigen Dorfbewohner mit dem ritterlichen Gehabe. Er sei ein leidenschaftlicher Musiker an der E-Gitarre gewesen, habe seinen Körper im hauseigenen Fitnessstudio gestählt, sammelte Fahrzeuge: Einen bordeauxfarbenen Mazda nutzte er für den Alltag, für Freizeit und Reise besaß er mehrere alte Motorräder und einen schwarzen Jeep Compass.

Bei seiner letzten Fahrt blieben all diese Fahrzeuge zurück in Borod. Die Reise zum österreichischen Mittelalterfest und in die Passauer Waldpension trat das Trio mit einem weißen Pick-up "Renault Alaskan" an, der auf die Jüngste der Fahrgemeinschaft zugelassen war, auf die Bäckereiverkäuferin. Als die Kripoleute gestern deren persönliches Umfeld erkundeten, stießen sie - wie berichtet - auf zwei weitere Frauenleichen. Eine davon die 35-jährige Lebensgefährtin der toten Armbrustschützin in Passau, die andere eine 19-jährige Mitbewohnerin. Beide wohl Opfer eines Suizids mit sanfteren Mitteln.

Auf die Reporterfrage, ob die Armbrustopfer einen Abschiedsbrief hinterlassen hätten, hat vorgestern ein niederbayerischer Polizeipressesprecher geantwortet "keine Auskunft!"  und damit indirekt verraten, dass es offensichtlich irgendein Schriftstück gibt. Ein Staatsanwalt klärte es heute auf: Es sind im Gepäck der Toten zwei Testamente gefunden worden. Sie sind den beiden Borodern zuzuordnen. Dass eine 33-Jährige mit einem Testament in der Tasche auf Reisen geht, ist nur eine von vielen Ungereimtheiten dieser Todesserie, die im unheimlichen Schatten von alten Waffen und mittelalterlichen Traditionen steht.

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