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Printmagazin | Dienstag, 18. Juni 19

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Carola Jungwirth beim Amtsantritt (Foto: Stephan Gauer)
Misstrauen und Mobbing

Uni-Präsidentin in Not

Präsidentin Carola Jungwirth hat in einem Rundschreiben die führenden Mitglieder der Universität gebeten, ihr Image zu retten. Umfragen und Kritiker bescheinigen ihr Führungsschwäche und Selbstherrlichkeit. Was ist da wirklich los?

Die Mitglieder des Deutschen Hochschulverbandes werden turnusmäßig befragt, wie zufrieden sie mit ihren Rektoren sind. An der Universität Passau, 124 Professoren, 27 angehende Professoren und 24 Privatdozenten, sind 119 Mitglied in diesem Verband und wurden angeschrieben. 41 haben an der Umfrage teilgenommen, das Ergebnis ist für die Präsidentin niederschmetternd: Sie landete im unteren Drittel. Dazu muss man wissen: Präsidentin Carola Jungwirth legt auf Ranglisten hohen Wert. Sie stehen bei der leidenschaftlichen Betriebswirtin wegen der Imagepflege an oberster Stelle: „Rankings gehören zu den wichtigsten Instrumenten der Außendarstellung einer Universität“, behauptet sie in einem ihrer regelmäßigen Auftritte vor den Kameras im Uni-TV. Doch wer ist diese Frau?

Jungwirth, eine Wirtschaftswissenschaftlerin, verheiratet, Mutter einer Tochter, ist seit 1. April 2016 im Amt. Sie hatte sich bei den Wahlen im Juni 2015 gegen den amtierenden Informatikprofessor Burkhard Freitag durchgesetzt. Ihr Sieg war „hauchdünn“, aber das Aufatmen laut hörbar. Jungwirth hatte mit ihrem Programm viele Freunde gewonnen: Qualität statt Quantität. Mehr Mitspracherecht. Was ist davon geblieben? „Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen“, wird einer ihrer Kritiker in der „Passauer Neuen Presse“ zitiert. „Schlechte Stimmung an der Uni Passau“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Die Sprecherin des Allgemeinen Studierendenausschusses und verschiedene Vertreter der Fakultäten hatten sich gegenüber dieser Zeitung mit Vorwürfen über die Unileitung geäußert: Intransparenz, mangelnde Konsensbereitschaft, problematischer Umgang mit Gremien; manche beklagten Einschüchterungsversuche. Jungwirth regiert demnach wie eine Patriarchin oder wird als solche gesehen.

Gute Christin und FDP-Anhängerin

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Gefällige Architektur, gelegen am grünen Inn: Die Passauer Universität glänzt nach außen hin durch Harmonie. (Foto : Tobias Köhler)
Ihre Entscheidungen seien unvorhersehbar und willkürlich, oft entgegengesetzt zu vorherigen Absprachen, erzählt ein Betroffener. Die 52-jährige Jungwirth gibt sich als gute Christin, fordert beispielsweise in Rundmails ihre Untergebenen auf, an der Fronleichnamsprozession teilzunehmen, was manche als Belästigung auffassen. Sie zeigt sich umweltfreundlich und nahbar, bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Stadt. Als oft gesehene Premierengängerin im Theater demonstriert sie kulturelle Aufgeschlossenheit. Sie folgt eifrig gesellschaftlichen und politischen Einladungen wie zuletzt dem Neujahrsempfang der CSU; sie selbst steht, wie Publikationen belegen, der FDP nahe.

Die Darstellungen der Süddeutschen nennt Ethikprofessor Christian Thies von der philosophischen Fakultät übertrieben. Ein Klima der Angst herrsche nicht, wohl aber Misstrauen. Er selbst nennt sich einen strengen Kritiker der Präsidentin. Das Misstrauen verstärkt haben dürfte ein Auftritt Jungwirths in Budapest. Unter Professoren berichtete sie über ihre Erfahrung im deutschen Uniwesen. Ihre Aussagen haben in Passau Empörung ausgelöst. Sie stellte es so dar, als müsse sie dagegen ankämpfen, dass die Passauer Universität nicht abgestuft werde zur Fachhochschule.

Mehr Forschung statt Lehre müsse die Anstrengung sein. Eine Selbstdarstellung auf Kosten ihres Personals zuhause? Ihr schlechtes Abschneiden bei der jüngsten Umfrage des Deutschen Hochschulverbands hat Jungwirth damit erklärt, dass die Universität in der „Umstrukturierung“ sei. Die Umstellung von einer „distributiven auf eine allokative Ressourcenverteilung.“ Was damit gemeint ist, bleibt nicht nur den Lesenden, sondern auch den meisten Professoren fremd. So wie sich Ärzte vor ihren Patienten gerne mit Latein verstecken, schirmt sie sich ab mit Wirtschafts-kauderwelsch.

In ihrer Antwort an die Pressevertreter, die sie den führenden Mitgliedern der Universität mitteilt, beruft sie sich auf die Entscheidungskompetenz, welche das Hochschulgesetz ihr einräume, nennt Beispiele, wie sie größere Transparenz geschaffen habe und schreibt zum brisantesten Punkt: „Die Vorwürfe im Hinblick auf Einschüchterungsversuche sind mir hingegen nicht bekannt, so dass ich mich hierzu nicht äußern kann.“

Heikler Eingriff in die Ethik-Kommission
Die tatsächlichen Hintergründe des Stimmungswandels, des Gegenwinds, den die Präsidentin verspürt, sind bisher nicht erzählt worden, weil ein Fall, der dazu beitrug, zu heikel ist, nie an die Öffentlichkeit gelangte. Im Kreise des Senats und der Professorenschaft werden seine Auswirkungen heftig diskutiert. Die Kettenreaktionen, die er hervorrief, brachten anscheinend das Fass zum Überlaufen. Die schlechten Umfragewerte waren ein willkommener Anlass für Betroffene und Geschädigte, den autokratischen Führungsstil der Präsidentin anzuprangern und die Medien einzuschalten. Der letzte eigenmächtige Akt der Präsidentin betraf die Ethikkommission, ein Kontrollorgan, das Forschung auf einen moralischen und sicherheitsrelevanten Prüfstand stellt. An Universitäten, wo es um menschliche Risiken oder möglichen Missbrauch von Technik geht, spielt sie eine große Rolle. In Passau weniger.

Hier ist sie mit vier Köpfen und deren Stellvertretern besetzt; jede Fakultät bestimmte ihren Gesandten. So war es, als die Ethikkommission im Oktober 2016 unter Jungwirth eingerichtet wurde. Plötzlich mischte sie sich ein, entzog den Fakultäten ihr Mitspracherecht, besetzte die Positionen neu; Professorinnen wurden teilweise zwangsverpflichtet. Den Wenigsten erschloss sich, was der Sinn ihres Eingriffs war, zumal - wie genannt - die Arbeit des Gremiums an dieser Uni eher im Hintergrund steht. Mit ihrem überraschenden, eigenmächtigen Handeln hat sie vor allem die Kommission verprellt. Die Frauenquote führte sie offiziell als Begründung an. Tatsächlich stehen jetzt in erster Reihe drei Professorinnen neben einem Professor. Mit der tatsächlichen Geschlechterverteilung unter den Professoren hat dies wenig zu tun. Die Zerschlagung der Ethikkommission förderte die Stimmungslage, wie sie sich jetzt in der Umfrage widerspiegelte.

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Universität Passau (Foto: Tobias Köhler)
Die Eingeweihten in eine Vorgeschichte, die vor zweieinhalb Jahren begann, gehen davon aus, dass hinter Jungwirths Aktion eine Maßregelung steckt, die einen bestimmten Professor in dieser Kommission treffen sollte. Sie wollte ihn offenbar um jeden Preis absetzen. Dieser hatte sich nach einer vagen Verdächtigung einem Disziplinarverfahren stellen müssen; auf Betreiben der Präsidentin sollte er gezwungen werden, sich einer amtsärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Er wehrte sich, wie unsere Recherchen ergaben, erfolgreich mit einem Eilantrag beim Verwaltungsgericht in Regensburg; letztendlich gingen alle Verfahren zu seinen Gunsten aus. Das Disziplinarverfahren wurde eingestellt. „Ich ging durch die Hölle“, hat der Familienvater später seinem engen Umkreis anvertraut.

Sex-Mobbing-Verleumdung beschäftigt Staatsanwalt
Der Professor war dem Sex-Mobbing einer Mitarbeiterin ausgesetzt gewesen. Deren Lebenspartnerin trat als Belastungszeugin auf und ist heute, wie die Staatsanwaltschaft Passau bestätigt, Beschuldigte eines Ermittlungsverfahrens wegen falscher Verdächtigungen. „Etwas bleibt immer hängen“, hat sich für den Betroffenen bewahrheitet. Die Präsidentin soll ihre Haltung ihm gegenüber bis heute nicht geändert haben. Unsere Nachfrage, worum es bei dem Disziplinarverfahren gehe und wie viele Disziplinarverfahren in ihrer Amtszeit anhängig geworden seien, lässt Jungwirth unbeantwortet und verweist auf die Persönlichkeitsrechte. „Zum Bericht in der Süddeutschen Zeitung äußern wir uns nicht“, schreibt zudem ihre Pressesprecherin.

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Audimax der Universität: 12.500 Männer und Frauen sindeingeschrieben. Die Unileitung setzt auf Wachstum (Foto: Pressestelle Universität Passau)
Mit einem Rundschreiben an die Spitzenvertreter der Uni hatte Jungwirth versucht, Mitstreiter zu finden, die den Journalisten ein anderes Bild liefern. Nach ihrem Aufruf hat sich aus dem Kreis des Universitätsrates ein Berliner gemeldet, Professor Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte des deutschen Widerstandes. Rankings gehören seiner Meinung nach zu den „problematischen Instrumenten der Reputationszuschreibung.“ Damit will er Jungwirth entlasten und stellt gleichzeitig deren Lieblings-instrument der Außendarstellung infrage. Er sieht Umfragen kritisch. „Mir fällt nur Lenins Warnung ein: Sage mir, wer Dich lobt, ich sage Dir, was Du falsch gemacht hast“, aber das gelte auch umgekehrt: „Wer einen Sumpf trockenlegt, soll nicht die Frösche befragen.“

"Humor und Stehvermögen"
Wenige Tage bevor durch Medienberichte das Imagedesaster über Jungwirth hereinbrach, hat die Zeitschrift „Forschung und Lehre“ ein Kurzinterview mit ihr veröffentlicht. Wie sich ihr Schritt zur Hochschulleitung ergeben habe, erklärt sie wie folgt: „Über eine lange Karriere in der akademischen Selbstverwaltung, die mich von der ‚Mittelbausenatorin‘ über die Ämter der Studiendekanin, Universitätsfrauenbeauftragten und Dekanin der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät für das Präsidentenamt qualifiziert hat.“ Als die wichtigsten Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale nennt sie für diese Position „Humor und Stehvermögen“. Über eine Quote zur Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen sagt sie: „Ja, diesen Weg muss Deutschland gehen.“

Ein vollkommen anderes Bild, das von den internen Vorgängen unberührt scheint, zeichnen der Wikipedia-Eintrag und der Internetauftritt der Universität. Dort hat Jungwirth als wichtigste Eigenschaft der Passauer Universität verankern lassen: „Laut internationalem Times-Higher-Education-Ranking 2017 belegt die Universität einen Rang zwischen 200 und 250 in der Liste der weltbesten Universitäten.“ Hinter der Studie steht ein britischer Verlag, der sich umgekehrt mit hohen Klickzahlen brüstet; der behauptet, mit seinem Unibewertungssystem der meistzitierte und kompetenteste der Welt zu sein. Auf der Netzseite wird jeder berufene Besucher ermuntert, sich im Uni-Bewerten zu beteiligen. Zu bestimmten Themen werden zu einem Land der Wahl acht Universitäten angeführt und der Befragte darf sie sortieren. Als Belohnung wird unter allen Teilnehmern ausgelost: In seinem Namen wird eine Spende über 250 britische Pfund an eine Stiftung gegeben, die politisch verfolgte Forscher unterstützt.Im Juli steht die Neuwahl für das Präsidentenamt der Universität Passau an. Die Amtszeit, das wurde unter ihren Vorgängern bereits diskutiert und in ihrer Amtszeit entschieden, ist dem Hochschulgesetz gemäß auf sechs Jahre verlängert worden. Carola Jungwirth glaubt fest an ihre Wiederwahl. Sie hat die Stelle für die Stellvertreterin, die an ihrer Stelle den Lehrstuhl der Wirtschaftswissenschaften leiten soll, bereits ausgeschrieben.

Abonnenten und Leser kennen diesen Beitrag aus der Printmagazin Nr. 124 / April 2019.

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