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Report | Donnerstag, 26. Juli 18

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Haftvorführung: Die Hände am Rücken gefesselt, in einen Einwegoverall gesteckt, wird der 25-jährige afrikanische Migrant zum Amtsgericht gebracht.
Mordversuch eines Migranten

"Aber Sie müssen die Wahrheit schreiben!"

Ein Passauer Haftrichter hat heute einen 25-jährigen Migranten aus Eritrea ins Gefängnis geschickt. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Mann des versuchten Mordes. Er hat einen Nachbarsbuben im Streit mit einem Messer angegriffen. Das Opfer, ein elfjähriger Schüler aus Vilshofen, liegt mit Schnittverletzungen im Krankenhaus und ist unter Vollmarkose genäht worden.

„Aber Sie müssen die Wahrheit schreiben, dann können Sie das Foto meines Jungen veröffentlichen“, mahnt mich die Mutter des Opfers. Warum sie mir das mitteilt, kann ich mir gut denken. Sie wohnt mit einer afrikanischen Flüchtlingsfamilie unter einem Dach. Im besten Einvernehmen. „Ich habe keine Probleme mit Ausländern“, hat sie mir erzählt. Und ihre afrikanischen Wohnungsnachbarn haben mir berichtet, dass sie eine hilfsbereite Frau ist. Aber dann das: Ein neuer Hausbewohner, ein Landsmann der afrikanischen Flüchtlingsfamilie, hat ihren jüngsten Sohn mit dem Messer attackiert.

Für mich als Reporter sind solche Geschichten in Zeiten der Flüchtlingshetze eine Herausforderung. Ich male mir aus, wie bestimmte Bürger sie im Netz ausschlachten. Die Mutter des Opfers, die sich dazu nicht hinreißen lässt, ist bewundernswert. Die Wahrheit ist selten schwarz-weiß. Wie würden Sie als Reporter es richtig machen?

In den letzten eineinhalb Jahren hat es im Passauer Gerichtsbezirk drei Kapitalverbrechen gegeben. Ein Metzger aus dem Landkreis hat seiner Exfrau an der Haustür aufgelauert und sie im Beisein ihrer beiden Töchter erstochen; ein junger Mann aus Freyung hat die Mutter seines kleinen Sohnes niedergemetzelt, deren Leiche in einem Müllsack versteckt und sich mit dem Kind aus dem Staub gemacht; eine Laienpredigerin ist gerade wegen versuchten Mordes verurteilt worden, weil sie ihren Mann mit Gift beseitigen wollte. Wenn Deutsche zu Verbrechern werden, bleiben bestimmte Stimmen im Netz stumm. Statistisch würde in einem Dorf mit 25 Niederbayern mindestens eine Straftat pro Jahr geschehen - vom Ladendiebstahl über  Versicherungsbetrug bis zum Mord. Flüchtlinge sind nicht krimineller, aber ihre Straftaten schieben Rechtspopulisten unters Vergrößerungsglas. Hetze giert nach Brennstoff. Die beiden erstochenen Mütter, der vergiftete Ehemann - niemand käme auf die Idee, diese Opfer und Toten einem Politiker in die Schuhe zu schieben.

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Der elfjährige Schüler, ein begeisterter Fußballspieler, liegt nach der Messerattacke im Krankenhaus.
Mein Reportertag hatte mit dieser Pressemitteilung des Polizeipräsidiums München begonnen: „Kind mit Messer schwer verletzt.“ Im Text steht, dass ein 25-jähriger Tatverdächtiger aus Eritrea festgenommen worden sei. Am Ende des Tages werde ich fast alle Quellen ausgeschöpft haben, die in diesem Fall möglich sind:  Ich telefoniere mehrmals mit  der Staatsanwaltschaft, spreche persönlich mit einer unbeteiligten Zeugin der Tat, mit deren Ehemann; ich bekomme die Mutter des Opfers ans Telefon, kann über sie Fragen an das Opfer stellen; ich treffe die ermittelnden Kripobeamten am Tatort und ihre Kollegen bei der Haftvorführung.

„Schreiben ist das wenigste, die meiste Zeit verbringt ein Journalist mit Recherche“, antworte ich dem Kellner eines kleinen Altstadtcafés, wo ich bei Cappuccino und Fruchtsaft meine Notizen sammle und über meinen Flachrechner Bilder verschicke. Das Café liegt gegenüber vom Passauer Amtsgericht. Hinter diesen Mauern entscheidet sich für jeden Verdächtigen einer schweren Straftat, meistens nach einer Nacht in der Polizeizelle, das Schicksal: Bleibt er bis zum Prozess auf freien Fuß oder schmort er bis dahin im Gefängnis? Oder wird er wegen offensichtlicher Krankheit in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen?

Um 16.30 Uhr rufe ich das letzte Mal an diesem Tag bei der Passauer Staatsanwaltschaft an. Der Haftrichter steht gerade beim Pressesprecher im Zimmer. Die Entscheidung ist gefallen. Der Richter hat Haftbefehl wegen Verdachts des versuchten Mordes gegen den Afrikaner Mohammed A. erlassen. Ein psychiatrisches Gutachten ist - wie bei vielen Straftätern - in Auftrag gegeben worden.

Der Kellner, der mich neugierig bei der Arbeit beobachtete und wissen wollte, wie der Job so ist, studiert Medienwissenschaften. Er habe sich für Journalismus interessiert, aber werde sich doch für die Werbebranche entscheiden, erzählt er mir. Es sei die finanziell sichere Seite. Draußen wechseln sich Hitze und Regen ab. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Die Schwüle und der Zeitdruck. Dem Wunsch der Mutter gerecht werden und der Bildzeitung, die der Fall interessiert. Bilder übertragen, Infotext schreiben, mit einem Auge das Amtsgerichtsportal im Auge behalten. Wann kommt der Beschuldigte wieder heraus?

90 Minuten hatte die Haftvorführung gedauert. Ich fotografierte, als der Tatverdächtige mit den Kripobeamten im Zivilauto ankam und ausstieg. Ein Kripobeamter trug hellblaue Schutzhandschuhe, als hätte er es mit einem Aussätzigen zu tun. Der Afrikaner steckte in einem weißen Overall mit dunkelblauen Klettverschlüssen, wie sie jeder Tatort-Fernsehzuschauer kennt. Es ist der Schutzanzug der Spurenermittler, damit sie selbst keine Spuren verfälschen.

Warum der Festgenommene in Passau diesen Schutzanzug trage, will mein Berliner Kollege wissen. Dass ich mit meiner Vermutung richtig liege, hatte mir der Chef der Mordkommission einmal bestätigt: Die Kleidung der Tatverdächtigen wird als Beweisstück sichergestellt, denn sie kann wichtige Spuren tragen. Fasern oder Blutanhaftungen vom Kontakt mit dem Opfer. Als Ersatz stellen die Spurensicherer den Entkleideten ihre Einweganzüge zu Verfügung. Die Overalls mit Klettverschluss kosten um die neun Euro.

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Tatorthaus: Ein Fußball liegt wie verloren auf dem Vorplatz. Das elfjährige Opfer der Messerattacke ist Fußballspieler.
Der Beschuldigte, ein 25-jähriger Flüchtling aus Eritrea, hat vor dem Haftrichter seine Schilderung wiederholt, die er bereits im Polizeiverhör gegeben hatte. Er habe den Nachbarsbuben gefragt: „Wo ist Deine Mutter?“ Die Antwort, die er erhielt, habe ihn beleidigt. Er will nicht ausschließen, dass er etwas falsch verstanden habe. Er räumt ein, dass es zum Streit gekommen sei. So gibt der Sprecher der Staatsanwaltschaft die Einlassungen des Tatverdächtigen wieder. Sie würden sich mit den Ermittlungen allerdings nicht decken. Ich weiß, was er meint, denn ich habe mit der wichtigsten Zeugin selbst gesprochen. Die Kripobeamten hatten sie gerade von der Einvernahme zurückgebracht, als ich am Tatorthaus eintraf.

„Gott sei Dank!“ Tina K. atmet am Telefon hörbar auf, als ich ihr mitteile, dass gegen Mohammed A. Haftbefehl erlassen worden ist. Ich erkläre ihr, was das bedeutet: Er wird wahrscheinlich bis zum Prozess im Gefängnis bleiben. Die 33-jährige zweifache Mutter sitzt in diesem Moment am Krankenhausbett ihres Sohnes. Sie hat hier die meiste Zeit des Tages verbracht und will sich in der Stadt ein Zimmer suchen, damit sie morgen schnell wieder bei ihm sein kann. Wie geht es ihm? „Er hat Schmerzen“, sagte sie, aber man kann mit ihm reden. Sie wird mir berichten, wie er die Tat erlebt hat. „Wahrscheinlich hat der Angriff mir gegolten“, wirft sie einen Aspekt ein, von dem ich bei meinen bisherigen Recherchen nichts gehört hatte.

Die Bildzeitung hatte sich am Abend entschieden, anstelle des Mordversuchs aus Niederbayern diese größere Flüchtlingsgeschichte zur bringen.

Morgen werde ich die Geschichte weiterschreiben.
Mal sehen, welche meiner Kollegen sich dafür interessieren und wie sie mit dieser Geschichte umgehen.

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20. August 2018
 
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