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Report | Dienstag, 03. Dezember 19

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Mansarde, zehn Quadratmeter, Wohn- und Schlafraum für Zwei; Teetassen am Heizkörper; Ladekabel am Bett. Verlassenes Zimmer von Abgeschobenen. /Archivfoto: mediendenk)
Heute Abschiebeflug nach Afghanistan

Im Passauer Polizeiwagen weint sich 22-Jähriger die Augen aus

Heute am späten Abend startet in München wieder ein Flugzeug für die Deportation von jungen Männern nach Afghanistan. Passauer Polizeibeamte sind in den Einsatz eingebunden und unglücklich ob der Aufgabe, die sie zu erfüllen hatten.

"Keine Abschiebungen mehr, außer es handelt sich um Verbrecher!", fordern mittlerweile Politiker im Bayerischen Landtag. Sie sind es leid, dass nach Hilferufen aus der Bevölkerung ein Fall nach dem anderen als Petition aufschlägt.

Auf dem Rücksitz eines Passauer Polizeiautos weint sich ein 22-jähriger Bursche die Augen aus. Die Beamten sind mit Mohammed F. auf der Fahrt zum Flughafen nach München, wo nach 21 Uhr der Flieger nach Kabul abhebt. Den Uniformierten bricht es selbst das Herz. Sie haben dem Unglücklichen sein Handy nicht weggenommen, warum auch, er ist kein Verbrecher. Verzweifelt telefoniert der In-Ausreise-Gewahrsam-Genommene, so die Bezeichnung für den Festgenommenen, mit seiner Lehrerin in Vilshofen. Sie versucht ihn zu trösten, obwohl sie weiß, dass sie ihm nicht mehr helfen kann. F. ist als Minderjähriger nach Deutschland gekommen, lebt seit mehr als drei Jahren bei uns. Er hatte Berufsaussichten in Maler- und Landwirtschaftsbetrieben. Dutzende Landsleute treffen heute solche Abschiebefahrten.

Stephan Theo Reichel, Geschäftsführer des Vereins „Kirche und Asyl“, hat mit einem der Passauer Beamten, der die Abschiebung durchziehen musste, gesprochen. Dieser soll gesagt haben "des is doch a netter, guader Bua.“ Man verstehe es nicht.

Es spielen sich von den Blicken der Gesellschaft verborgen menschliche Dramen ab. Die Männer und Frauen, welche die Zugriffe und Deportationen ausführen müssen, leiden oft selbst psychisch unter den Zwangsmaßnahmen, die sie durchführen müssen. Dem aktuellen Magazin, das Mitte der Woche erscheint, haben wir den grausamen Abschiebungen eine eigene Strecke gewidmet: "Geschichten, die wir nicht lesen wollen."

Wenn Nachbarn, Schuldirektoren, Kindergärtnerinnen oder Arbeitgeber gegen die Abschiebung von Geflüchteten sich wehren, ja für diese Unbescholtenen und Integrierungswilligen buchstäblich bürgen, dann darf nicht der Paragraph eines Asylgesetzes oder der Mangel eines vernünftigen Einwanderungsgesetzes die Rechtfertigung für menschliches Unrecht sein.

Die Recherche hat den Reporter erschüttert. Es stehen Mütter vor der Abschiebung mitsamt ihren Kindern, die hier geboren worden, mit der deutschen Sprache aufgewachsen sind; Frauen, die sich in Altenpflege ausbilden lassen, um der Gesellschaft zu dienen. Bestimmte Politiker dagegen sprechen von "Aufenthaltsverfestigung", die es zu vermeiden gelte. Wie passt das zusammen mit den Integrationsleistungen, welche die Angekommenen erbringen sollen?

"Dieses Unrecht muss aufhören!", sagt Reichel als einer von vielen Kritikern. Innenminister Herrmann tue so, als handle sich bei jedem Abgeschobenen um einen Kriminellen.

Tatsache ist, wer als Geflüchteter zurückkehrt, wird in Afghanistan wie ein Krimineller behandelt. Deshalb haben die jungen Männer solch panische Angst, verstecken sich, unternehmen im letzten Moment Fluchtversuche vor der Polizei. Für die Taliban zählen sie als Verräter.

Es steht heute Abend die 30. Sammelabschiebung nach Afghanistan bevor. Bei der Innenministerkonferenz in Lübeck will Horst Seehofer morgen für eine „deutliche Zunahme der Abschiebungen“ werben.

„Wir müssen für ihre Sicherheit sorgen und dürfen sie nicht zurücklassen, wenn wir abziehen“, hat ein Pressesprecher der Bundeswehr vor sieben Jahren im Militärstützpunkt Kunduz gesagt. Er sprach von den vielen Afghanen und deren Angehörige, welche im Lager arbeiteten oder draußen als Kontaktleute oder Dolmetscher die Bundeswehrsoldaten unterstützten, ihr eigenes Leben riskierten. Davon spricht heute keiner mehr.

Der Vertreter on "Kirche und Asyl" schreibt heute angesicht der aktuellen menschlichen Deportationsdramen an Innenminister Herrmann: "Setzen Sie ein Zeichen der Menschlichkeit im Weihnachtsfrieden. Kehren Sie um. Das Verständnis und die Dankbarkeit der Kirchen, der Ehrenamtlichen, der Zivilgesellschaft und der großen Mehrheit der Bayern wird Ihnen sicher sein. Es ist Advent."

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17. Februar 2020
 
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