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Report | Montag, 09. Juli 18

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Opfer und Angeklagte in inniger Umarmung bei einer Gerichtspause um 11 Uhr. Sie steckte ihm dabei heimlich einen Zettel zu. Danach legte er aus dem Zuschauerraum heraus ein verhängnisvolles "Geständnis" ab. (Foto: Bürgerblick)
Versuchter Ehegattenmord

Opfer nach Zeugenaussage im Gerichtssaal vorläufig festgenommen

Es ist wohl der kurioseste Gerichtsprozess um einen versuchten Ehegattenmord. Im Zeugenstand flehte das dem Gifttod entronnene Opfer am ersten Tag den Richter an: „Geben Sie mir meine Frau zurück!“ Selbst wenn sie schuldig wäre, würde er ihr verzeihen. Heute die nächsten Überraschungen: Der großherzige Ehemann behauptet, sich selbst vergiftet zu haben - und wird danach wegen „uneidlicher Falschaussage“ im Gerichtssaal festgenommen.

Der Laienpredigerin Elisabeth W. (51) wird laut Anklage vorgeworfen, sie wollte ihren 17 Jahre älteren Ehemann Ludwig vergiften, damit sie sich ganz ihrem gleichaltrigen Liebhaber widmen kann. Die Affäre mit ihrem Chef ging seit sechs Jahren. Sie sitzt seit zehn Monaten in Untersuchungshaft, streitet alle Vorwürfe ab. Eine Ärztin hatte die Kripo eingeschaltet. Denn die Blutwerte des pensionierten Schullehrers ließen nur einen Schluss zu: Jemand will ihn vergiften. 

Opfer schmust mit Angeklagter
Nach der Zeugenaussage des Ehemannes hatte der Vorsitzende Richter die Kontaktsperre aufgehoben. Es bestehe keine Verdunkelungsgefahr mehr. Seitdem erleben die Zuschauer in jeder Pause die selbe Szene: Die Angeklagte und das mutmaßliche Opfer stehen eng umschlungen im Gericht, küssen und streicheln sich. Heute beobachtete ein Zuschauer, dass sie ihm nach der ersten Verhandlungspause um 11 Uhr heimlich einen Gegenstand in die Gesäßtasche steckte, wie sich später herauststellte, einen beschriebenen Zettel.

Geständnis des Giftopfers
Als der Prozess gegen 11.15 Uhr fortgesetzt wird, kommt es zum Eklat: Ludwig W. springt im Zuschauerraum plötzlich auf, ruft in den Saal: „Ich habe die Tabletten selbst genommen!“ „Sie sind nicht an der Reihe!“, ermahnt ihn der Richter. Er lässt sich nicht bremsen und holt lauthals und trotzig zur Rede aus: "Jetzt red i!" „Ich muss Sie aus dem Saal verweisen lassen!“, droht der Vorsitzende und drückt den Alarmknopf für die Gerichtswache. Bis die beiden Justizbeamten eintreffen, ist Ludwig W. mit seinem zweiminütigen Vortrag zu Ende. „Ich gehe freiwillig!“, beschwichtigt er die Umstehenden. Man sei hier nicht beim Fernsehgericht, schimpft der Richter später über diesen "plakativen Auftritt."

Will der Ehemann seiner Frau die Schlinge vom Hals nehmen und aus Liebe sich selbst belasten? War dieses Geständnis vielleicht abgesprochen, von ihr durch diesen rätselhaften Zettel initiiert?  

Der rätselhafte Zettel
Die Verhandlung wird unterbrochen, dann der Zeuge der Zettelübergabe in den Zeugenstand gebeten. Er hatte sich am Gerichtsflur dem Staatsanwalt anvertraut und beschreibt seine Beobachtung. Die Angeklagte bestätigt den Vorgang. "Sie wissen, dass das verboten ist?", herrscht sie der Richter an und verhängt, an die Justizwachleute gerichtet, die Kontaktsperre wieder. Sie spielt den Inhalt auf dem Zettel herunter, sagt, sie habe nur ihre Aussage über die Essensgewohnheiten niedergeschrieben. Als ob der Ehemann diese nicht selbst kenne, bezweifelt der Richter ihre Glaubwürdigkeit.

Mit der ersten Antwort gelogen
Er lässt den Ehemann zum zweiten Mal in den Zeugenstand holen. Dieser begeht einen fatalen Fehler, bevor er sein „Geständnis“ wiederholt. Er lügt dem Richter offen ins Gesicht. „Hat Ihnen Ihre Frau in der Pause einen Zettel zugesteckt?“. „Nein“. Es folgt ein richterliches Donnerwetter.

Der gehörnte Ehemann erklärt, warum er den Blutverdünner angeblich heimlich selbst eingenommen hat: Er habe um das Verhältnis seiner Frau längst gewusst, sich mit den Tabletten krank machen wollen, um ihre Zuneigung wieder zu gewinnen. Das Medikament habe er im Keller gefunden, es lagerte in einer Schachtel, ein Erbe seines verstorbenen herzkranken Vaters.

„Sie lassen die Frau, die sie angeblich so sehr lieben, zehn Monate in U-Haft schmoren?“, fragt der Richter kopfschüttelnd. Eine plausible Erklärung hatte Ludwig W. für diesen Widerspruch nicht. In seiner spontanen Rede aus dem Zuschauerraum hatte es dazu einen erhellenden Satz gegeben: „Die einzige Genugtuung ist für mich gewesen, dass sie sich jetzt nicht mehr treffen konnten.“

Mit Apotheker vergifteten Tee getestet
Auf der anderen Seite dieser Widerspruch: Ludwig W. hatte, als seine Frau bereits mehrere Monate in Untersuchungshaft saß, einen Apotheker privat um Hilfe gebeten. Der Teetrinker wollte wissen, ob er es hätte bemerken müssen, wenn jemand diese Tabletten in seinen Tee rührte. Von diesem Versuch berichtete der Apotheker heute im Zeugenstand. Sie hätten erst 10, dann 20 Stück in der mitgebrachten Kanne aufgelöst, zum Schluss 60. Das Gemisch sei bei den niedrigen  Dosierungen geruchlos und, wie die Fingerschleckprobe ergab, auch geschmacklos gewesen. 

Warum wollte der Ehemann plötzlich wissen, wie vergifteter Tee schmeckt, wenn er sich das Gift angeblich selbst beigebracht hat?

Ehemann im Gerichtssaal festgenommen.
Das letzte Wort hatte nach diesen kuriosen fünf Prozessstunden der Staatsanwalt. Zwei bewaffnete Kripobeamte betraten den Saal und nahmen den Ehemann nach seiner Aussage im Zeugenstand fest. „Das war eine glatte Falschaussage!“, empörte sich der Staatsanwalt. Und der Zettel? Den habe er ungelesen zerrissen und ins Klo gespült, hatte Ludwig W. behauptet. Die Kripobeamten baten ihn ein weiteres Mal in die Toilette, zur Körperuntersuchung. Das Schriftstück ist nicht aufgetaucht.

Der Richter fasste zusammen: „Jetzt haben wir ein Familienchaos“.

Morgen geht´s weiter mit den Gutachtern. 

Eine Apothekerin wird bis dahin wahrscheinlich mit dem Taschenrechner zu klären versuchen: Das gefundene Medikament des verstorbenen Vaters im Keller, ein angeblich gut zur Hälfte gefülltes Gläschen, konnte sich damit Ludwig W. die Giftmenge beibringen, die sich in seinen Körper angereichert hatte? Mit inneren Blutungen war er in der Schlussphase dem Tod nahe gewesen, konnte mit Infusionen in der Klinik gerettet werden.

Ob die Nacht in der Gefängniszelle den Ehemann zur Einsicht gebracht hat, wird sich morgen auch zeigen

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18. Juli 2018
 
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