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Report | Montag, 30. April 18

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Stickstoffdioxid-Messung in der Schmiedgasse: Lehrer Bernd Sluka, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland, demonstriert an einer Dachrinne, wie er seine heimlichen Messeinrichtungen im Stadtgebiet angebracht hat in sicherer Höhe. (Foto: Tobi Köhler)
Atemgift

Was das Rathaus nicht wissen will

4. April 2005. An diesem Tag hat sich die Luftqualität für die Passauer Bürger schlagartig verbessert. Auf dem Papier. Die Luftgütemessstation des Bayerischen Landesamtes für Umwelt ging westlich des Winterhafens in Betrieb. Zuvor war diese Luftmessstation zweieinhalb Kilometer weiter stadteinwärts auf dem Kleinen Exerzierplatz positioniert. Dort hatte es handlungsbedürftige Überschreitungen beim Feinstaub gegeben, die wahrscheinlich mit dem damaligen unbefestigten Großparkplatz zusammenhingen. Aber: Um die tatsächlichen Konzentrationen der anderen Atemgifte wussten ab diesem Tag die Passauer Bürger nicht mehr Bescheid. Ein Vertreter vom Verkehrsclub Deutschland will die Wahrheit zurückholen. Er hat dazu neben der staatlichen Station sein rundes Messkästchen am Lichtmast neben dem Verkehrsschild angebracht. Lesen Sie seine Erkenntnisse.

Nachtrag: Neue Messungen der Deutschen Umwelthilfe haben bestätigt, dass auch in Passau Handlungsbedarf besteht. Ein Antrag der Grünen im Rathaus wurde in die Fraktionenn verwiesen, bis die Stadt eigene, offizielle Messungen vornimmt, zieht sich hin.

März 2018
MESSSUNGEN VON UMWELTHILFE UND VERKEHRSCLUB : Dieselabgase: So sieht´s in Passau aus

 

Warum sich sorgen? Die Stadt Passau veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse der Luftmessungen des Bayerischen Landesamt für Umwelt. Die erfreuliche Bilanz: Die Schadstoffbelastung ist weitaus geringer als noch zur Jahrtausendwende. Hurra, wir können aufatmen? Leider nein. Warum die Werte beruhigend sind, aber keine Aussagekraft zur Passauer Stadtluft haben: Die Messstation ist 2005 an den Stadtrand verlegt worden.

Rückblick in die giftige Zeit: 1995 wurden an der Mariahilfstraße in der Innstadt die höchsten Stickoxidwerte in ganz Bayern gemessen, selbst der Stachus in München war weniger belastet. Zehn Jahre später war das alles kein Thema mehr. Die Bezirksregierung sah sich nicht mehr gezwungen, der Stadt Passau lokale Messreihen zu verordnen. Seit die Luftmessstation an den Stadtrand jenseits des Winterhafens verlegt worden ist, sind die Grenzwertüberschreitungen passé. Es besteht kein Handlungsbedarf mehr. Das Rathaus verkündete jährlich die Mär von der verbesserten Luftqualität.

Bernd Sluka, buschige Augenbrauen, zum Zopf gebundene ergraute Haare, steckt sich einen kleinen Seitenspiegel an die Brille, wenn er mit seinem Liegerad durch die Stadt fährt. Umweltfreundliche Fortbewegung ist seine Passion. Anfang der 1990er Jahre gründete der heute 56-Jährige den Kreisverband Passau des „Verkehrclubs Deutschland“ (VCD), der sich für „menschen- und umweltfreundlichen Verkehr“ einsetzt. Seit 2003 leitet er den bayerischen Landesverband.

„Wie gut die Stadtluft ist, das hat jahrzehntelang niemanden so richtig interessiert“, sagt er. Dann kamen die europäischen Grenzwerte und der Dieselskandal. Die Ärzte hatten all die Jahre vergeblich Alarm geschlagen. Die Beweise sind schwierig, denn Atemwegs-und Krebserkrankungen lassen sich nicht unmittelbar zuordnen.

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Stelzhamer Straße: Auf einem Betonhäuschen wird die Luftgüte gemessen. Die Werte haben keine Aussagekraft zum Atemgift im Stadtverkehr. (Foto: Hubert Denk)
„Wir denken bei Umweltverschmutzung zuerst an die Umwelt, aber nicht an unsere eigene Gesundheit“, ich warnt Dr. Philip Landrigan, einer der führenden US-Mediziner, der die Auswirkungen von Umweltgiften auf Kinder erforscht. Er gehört der Kommission von 47 Wissenschaftlern an, die im Auftrag der EU, der UNO und verschiedener europäischer und amerikanischer Ministerien die „Lancet“-Studie erstellten. Einen Tag lang beherrschten ihre Ergebnisse die Nachrichten:  Durch Schadstoffe in der Luft, im Wasser oder im Boden sterben 15-mal mehr Menschen als durch Kriege. Auf Deutschland heruntergerechnet: 60.000 Tote durch Umweltkrankheiten pro Jahr, so viele, als tobte bei uns der syrische Bürgerkrieg.
„In den Medien erhalten Seuchen und Krankheiten die Aufmerksamkeit, welche die Menschen schnell dahinraffen. Der schleichende Tod durch Umweltgifte wird ausgeblendet, vergessen“, sagt Landrigan.

Fünf Tag bevor die Veröffentlichung der „Lancet“- Studie kurz die Welt erschreckte, war im Medienzentrum der „Passauer Neue Presse“ ein Mann auf das Podium getreten und hatte verkündet, der Diesel sei sauber. Man könne auch in den nächsten Jahrzehnten nicht auf den Verbrennungsmotor verzichten. Es war VW-Konzern-Chef Matthias Müller, Ehrengast bei „Menschen in Europa“. (Nachtrag: Sein Abgang steht fünf Monate später bevor)

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Mariahilfstraße: Dies ist die schmutzigste Ecke der Stadt, gemessen an der Luftqualität. Viel Verkehr, in der Häuserschlucht sammeln sich die Abgase der Verbrennungsmotoren. Benzol und Stichstoffdioxid erreichen hier die höchsten Werte. (Foto: Tobi Köhler
Richtig ist, dass ihm einige wenige Zuhörer applaudierten. Falsch ist, dass es einen Zwischenruf gab, Müller solle sich mit seinem sauberen Diesel doch in die Garage stellen, den Motor laufen lassen und das Tor schließen und dann erzählen, wie lange er es ausgehalten hat.

Sluka, von Beruf Lehrer für Mathematik und Physik, kann nicht aushalten, dass die Stadt Passau mit ihrer „Politik des Aussitzens“ die mangelnde Schadstoffüberwachung hinnimmt. Bei einer Umwelttagung in Wuppertal im Frühjahr, es ging um die Gerichtsurteile zur Stickoxidbelastung in Großstädten, lernt er Aktivisten von „Green City“ kennen. Die hatten mit so genannten Passivsammlern, kleinen Messröhrchen, die Durchschnittskonzentration von Stickstoffdioxid in 50 verschiedenen Stellen in München gemessen.  Sie belegten, dass das Problem flächendeckend ist. Der Landeshauptstadt droht ein Dieselfahrverbot ab 2018.

Nach dem Vorbild von „Green City“ hat Sluka in diesem Herbst seine eigene Messreihe in Passau begonnen. „Das Landesamt für Umwelt hat bei seinen flächendeckenden Erhebungen zum Luftreinhalteplan mit ähnlichen Methoden gearbeitet“, weiß er. Die Messröhrchen seien erschwinglich, 15 Euro inklusive Auswertung. Die Untersuchung erledigt ein Schweizer Labor. „Mindestens zwei Wochen müssen die Messröhrchen hängen, umso länger, desto genauer die Ergebnisse“, erklärt Sluka. Die Stäbchen ermitteln den Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid, das gefährlichste Atemgift.

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit wurde europaweit für Stickstoffdioxid der 1-Stunden-Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter festgelegt, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf. Der Jahresgrenzwert beträgt 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Schutz der Vegetation wird ein kritischer Wert bereits von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter als Jahresmittelwert fest angesehen.

Das Umweltbundesamt schreibt:  Stickstoffdioxid, kann Pflanzen schädigen und unter anderem ein Gelbwerden der Blätter (sog. Nekrosen), vorzeitiges Altern und Kümmerwuchs bewirken. Zudem trägt Stickstoffdioxid zur Überdüngung und Versauerung von Böden und in geringem Maße auch von Gewässern bei.

Stickstoffdioxide sind die Nummer eins unter den Schadstoffen in Städten. Sie entstehen wenn Öl, Holz, Gas oder Kohle verbrannt wird. Vor allem Diesel- und Verbrennungsmotoren erzeugen das für den Menschen auf Dauer gefährlichens Giftgas. Selbst modernste Diesel-Fahrzeuge der Schadstoffklasse „Euro 6“ stoßen ein Vielfaches (über Faktor 10) an Stickstoffdioxid aus als ein vergleichbarer Benziner. Es greift Lunge, Bronchien und Schleimhäute an. Kurios: Stickoxide kommen in der Natur so gut wie nie vor, außer der Mensch erzeugt sie durch Verbrennung fossiler Stoffe.

Die Passauer Grünen fordern, dass die Messstation ins Stadtzentrum zurück verlegt wird, in die Nikolastraße. Die treibende Kraft ist Stadtrat Karl Synek.  Er zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Stadt. Schon 2005 sah er die „verlogene Entwicklung“ voraus, stellte einen Antrag beim Bayerischen Landesamt für Umwelt und blitzte ab. Man hätte sich im Einvernehmen mit der Stadt auf diesen Standort geeinigt, lautete die Antwort, die er damals bekam. Mit Fingerzeig auf den bevorstehenden Bau der Neuen Mitte, ging man von einer Verminderung des Verkehrs rund um die Nikolastraße aus. Das war ein Trugschluss. Jetzt unternimmt er seinen zweiten Anlauf. Die Nikolasstraße als Standort bleibt Favorit.  Hier hätte die Schadstoffmessung seiner Meinung nach eine Bedeutung. Es reihen sich die Hauptschule St.  Nikola, ein Kindergarten, die Stadtbücherei, die Handwerkskammer.

Bernd Sluka, der „Green City“-Aktivist von Passau, bestellte ein Dutzend Messrröhrchen und die handflächengroßen grauen runden Kästchen, in welche die Messröhrchen witterungsgeschützt gesteckt werden. Dann zog er los mit Kabelbinder und kleiner Trittleiter, damit er seine Messstationen weit über Griffhöhe von Passanten und Neugierigen befestigen kann. Am Schanzl befestigte er sein Kästchen an einem Ampelmast, in der Schmiedgasse an einer Dachrinne, in der Kapuzinerstraße an einem Straßenlaternenmast. „Man muss den kleinen Stöpsel herausziehen, dann sind sie aktiviert“, erklärt er.

Die ersten beiden Messpunkte setzte er in der Mariahilfstraße und in der Freyunger Straße, den verkehrsgeplagten Stellen der Innstadt und Ilzstadt. Als das Schweizer Labor die Auswertung zurückschickte, fühlte er sich bestätigt und motiviert, weiterzumachen. Mit 61,5 und 41,7 Mikrogramm pro Kubikmeter waren die Grenzwerte überschritten. Er verglich die Messwerte mit den offiziellen Daten, welche die staatliche Luftgüte-Messstation der Stelzhamerstraße geliefert hatte sie lagen weit darüber.

In einer zweiten Messreihe setzte er eine eigene Messstation neben der amtlichen in der Stelzhamerstraße, um einen Referenzwert zu erhalten. Der Blick auf die Auswertung zeigte doch dies: Alle zentrumsnahen Messungen ergaben deutlich höhere Werte als die „Frischluftstation“ an der Stelzhamerstraße. Die Ilzstadt und die Innstadt dürfen sich traurigerweise mit den Metropolen messen. Es droht ein Diesel-Fahrverbot.

Der VCD-Mann hat sich dazu schon Gedanken gemacht. „Für das aktuell diskutierte Lkw-Problem in der Innstadt gibt es Lösungen“, schreibt er. Ein Ansatz wäre City-Logistik, bedeutet große Lkw laden am Stadtrand ihre Waren auf kleine Transporter um, die dann gezielt die Geschäfte beliefern. „Damit fährt nicht mehr zu jedem Laden ein eigener großer Sattelschlepper und es wäre sogar möglich, für diese City-Lieferungen Elektrofahrzeuge einzusetzen.“

Der Selbstbetrug des Rathaus könnte übrigens ärgerliche Folgen haben. Einen Geldtopf von 1 Milliarde Euro will der Bund für schadstoffgeplagte Gemeinden zur Verfügung stellen. Lügt sich Passau weiter selbst in die Tasche, misst weiter an der falschen Stelle, bekäme sie nichts von dem Geld und verpasste die Chance, den Bürgern die Chance auf eine saubere Luft zu ermöglichen.

Als der Dieselskandal und die Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxid im Sommer großes Nachrichtenthema war, hat dieses Magazin an das Rathaus folgende Anfrage gestellt: Wie stellt sich die Stadt Passau diesem Problem, welche Maßnahmen sind geplant?

Antwort: „Die Luftqualität wird mittels Messstationen, die vom Freistaat Bayern aufgestellt und vom Landesamt für Umwelt betrieben werden, gemessen. Bei der Stickoxidbelastung liegt der Grenzwert bei einem Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter. Der Wert in Passau lag in den letzten Jahren jeweils bei 30, also weit unter dem Grenzwert Tendenz gleich - bleibend. Angemerkt sei auch, dass wir diesen Grenzwert seit 2005 kein einziges Mal überschritten haben.“ Seit zwölf Jahren entzieht sich das Rathaus der Verantwortung.  

Beitrag erschienen im Heft Nr. 110/ November 2017

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