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Brennpunkt | Montag, 18. Oktober 21

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Bild-Chefredakteur Julian Reichelt beim NDR in Hamburg, Juni 2019, auf einem Podium der Journalistenorganisation "Netzwerk Recherche", deren neuer Vorsitzender ihn heute indirekt zu Fall brachte. (Foto: mediendenk)
Erdbeben in deutscher Medienlandschaft

Ausgebremste bayerische Enthüllungsjournalisten stürzen mit US-Unterstützung Bild-Chefredakteur

Ein denkwürdiger Tag für die deutsche Presse.

Wir treten kurz von der Lokalberichterstattung zurück und erklären Ihnen, was heute los war. Während in Österreich sich manche Medien von der Politik kaufen lassen, bremsen hierzulande Verleger aufrechte Journalisten aus. Diese wiederum spielten im aktuellen Fall über die Bande, es kam zur Unterstützung von der anderen Seite des Großen Teichs. So entstand die heutige Nachrichtenlage zur Bildzeitung und seinem am Abend abgesetzten Chefredakteur.

Die Mitwirkenden und die Geschichte: Der Münchner Verleger Dirk Ippen (81, Münchner Merkur, tz, Oberbayerisches Volksblatt, Frankfurter Rundschau...) hat untersagt, dass sein hauseigenes Recherche-Spezialteam unter der Leitung von Daniel Drepper (35, Vorsitzender "Netzwerk Recherche", Ex-Chef des deutschen Ablegers der US-Nachrichtenplattform "Buzzfeed") Missstände in der Chefetage der Bild-Zeitung aufdeckt: der Fall Julian Reichelt. Es geht vor allem um Machtmissbrauch gegen Frauen. Reichelt ist seit Februar 2017 Chefredakteur des größten deutschen Boulevardblattes und war wegen der Affäre bereits angeschlagen, kurzzeitig beurlaubt.

US-Enthüllungsjournalist Ben Smith, 44, ein ehemaliger "Buzzfeed"-Kollege des ausgebremsten Münchner Rechercheteamleiters Drepper, erzählt die Geschichte dafür umso breiter in der “New York Times”. Mit dieser Quelle im Rücken berichten heute die Öffentlich-Rechtlichen Medien wie Tageschau und BR24 und "Die Zeit".

Am frühen Abend reagiert der Axel-Springer-Verlag, Vorstandsvorsitzender Matthias Döpfner (58, Präsident der deutschen Zeitungsverleger): Chefredakteur Julian Reichelt werde mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Reichelt habe auch nach Abschluss eines internen Untersuchungsverfahrens vom Frühjahr Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand die Unwahrheit gesagt.

"Dass Springer in der Pressemitteilung gleich mit ankündigt, gegen angebliche Quellen und Whistleblower rechtlich vorgehen zu wollen, ist eigentlich direkt der nächste Skandal in dieser Sache. Damit knüpft das Unternehmen an die Einschüchterungsversuche der vergangenen Monate an", ergänzt Daniel Drepper kurz darauf.

Journalismus darf keine Kompromisse eingehen, er muss radikal sein und darf niemandem dienen. In diesen Tagen sind mehrere Missstände aufgedeckt worden: In Österreich ging der Verleger einer Gratiszeitung auf ein Gegengeschäft mit der Politik ein, die Sebastian-Kurz-Affäre. Heute kommt die – nicht völlig überraschende - Nachricht aus München, dass es mit der redaktionellen Unabhängigkeit auch bei uns schlecht bestellt ist. Ein Verleger untersagt seiner Redaktion, Unangenehmes über eine Person der Zeitgeschichte zu enthüllen. Es geht um den Chefredakteur der Bildzeitung, den manche den mächtigsten seiner Gattung nennen.   

Außenstehende durchblicken die Netzwerke der Medien nicht so leicht, weil wir ja selten über uns und unsere Kolleginnen und Kollegen oder unsere Chefs und Chefinnen schreiben. Einen schnellen Sprung ins Thema lieferte heute die Berliner „Tagesspiegel“-Kolumnistin Aline v. Drateln. Sie schreibt ungeschminkt auf Twitter: „Wenn ich geahnt hätte, dann mit Julian Reichelt vögeln zu können, hätte ich das Angebot bei „Bild TV“ zu moderieren, natürlich nicht abgelehnt.“

Julian Reichelt ist Chefredakteur der Bildzeitung, deren Erfolg bekanntlich darin liegt, dass sie „dem Volk aufs Maul schaut“, dessen Nerv trifft. Reichelts Stimme auf Twitter, wo Politik und Medien sich eifrig austauschen, ist seit Langem verstummt. Es gehörte vielleicht zu internen Abmachungen nach den ersten Untersuchungen in dieser Affäre, dass er sich im Netz fortan zurückhält. Er teilt schweigend die Meldungen anderer, beispielsweise zuletzt eine in Verneigung vor seinem Chef Döpfner, der sich in den USA für eine Unsumme Geld den Nachrichtenanbieter „Politico“ einverleibt hat. Es geht um die „Werte“, welche die US-Journalisten unter der neuen deutschen Führung einzuhalten hätten. Nach diesem Tag wünschte man sich, dass Springer nicht irgendwann die „New York Times“ in seine Einkaufstasche steckt.

Werte und Moral in den Medien. Darüber ist derzeit oft zu lesen. Armin Wolf, das ORF-Aushängeschild für aufrechten Journalismus und mit dem Korruptionsskandal im eigenen Lande gut beschäftigt, erstaunt die Veröffentlichung aus Übersee über die Vorgänge im Nachbarland nicht minder: „Ziemlich heftige, detaillierte Geschichte in der New York Times über den Axel-Springer-Verlag, der kürzlich die US-Politik-Plattform „Politico“ übernommen hat.“ Manchmal muss Pressefreiheit wohl über den Großen Teich springen, um Gehör zu finden. Ben Smith, Ex-Kollege von Daniel Drepper bei „Buzzfeed“, hat die Feder übernommen, die Verleger Dirk Ippen seinem Rechercheteam aus der Hand genommen hat. Er erzählt die Geschichte des mutmaßlichen Frauenquälers Reichelt, lässt eine Zeugin zu Wort kommen, der Anonymität zugesichert worden ist. Der Beitrag ist nur zahlenden Abonnenten zugänglich.

„Die Kontrolle der Medien gelingt nur über Selbstkontrolle. Es ist gut und wichtig, dass wir uns bei Verfehlungen gegenseitig auf die Finger klopfen. Wir müssen das aushalten, so wie alle anderen unsere Kontrolle und Kritik aushalten müssen,“ habe ich heute im Netz kommentiert. Und ich beantwortete einmal mehr die Frage, warum Rundfunkgebühren unabdingbar sind: Damit Verleger, die investigative Recherche stoppen, bloßgestellt werden. Die Öffentlich-Rechtlichen haben das Thema sofort aufgegriffen.

Jan Böhmermann, bei dem die Grenzen von Satire und Journalismus fließend sind, erregte seine Twitter-Blase mit diesem Satz: „Dr. Dirk Ippen hat gerade angerufen und gesagt, dass er mir von Mathias Döpfner ausrichten solle, dass "Pressefreiheit" und "Investigativjournalismus" nur Marketinggags für den amerikanischen Markt waren. Außerdem sei ich ein - Zitat - "gebührenfinanzierter GEZ-Hurensohn".

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verband, Frank Überall, schaltete sich ein: „Glaubwürdigkeit ist ein extrem wichtiges Gut im Journalismus. Danke ans Investigativteam für die Verteidigung. Und Herr Ippen: Danke für nichts.“ Er wendet sich zugleich verwundert an den Zeitungsverlegerpräsidenten Döpfner, ob das wirklich aus seiner Feder stamme, was die „New York Times“ ihm anhefte. Er soll zu sehr sorgfältiger Recherche in der Causa Reichelt gemahnt und geschrieben haben: „Herr Reichelt ist in Deutschland der letzte und einzige Journalist, der mutig gegen den neuen DDR-Autoritätsstaat vorgeht“. Ob je eine Antwort kommt? Die Reaktion kennen wir jetzt: Reichelt ist abgesägt.

Der Beschwerdebrief von Dreppers Rechercheteam an den Münchner Verleger Ippen belegt, wie schwer enttäuscht die Mitwirkenden sind. Er ist im Netz zu finden und eine Pflichtlektüre für all diejenigen Verlegerinnen und Verleger, die vergessen haben, dass ihnen die Verantwortung zugeschrieben ist, der wichtigsten Säule der Demokratie zu dienen und nicht dem Eigennutz.

Sehr geehrter Herr Dr. lppen, sehr geehrte Geschäftsführung:

Heute Vormittag haben wir per E-Mail sowie mündlich erfahren, dass Sie uns die für den Sonntag, 17. Oktober 2021, geplante Berichterstattung über Machtmissbrauch gegen Frauen und weitere Missstände bei Axel Springer SE und insbesondere durch die Person Julian Reichelt, BILD Chefredakteur, untersagen.

In der Email von Markus Knall an den Redaktionsleiter:innen-Kreis heißt es: „Angesichts der Tragweite gab es gestern eine Gesellschafterversammlung, bei der ich das Thema erklären durfte. Nach intensiver und harter Diskussion hat sich letztlich Dr. lppen als Mehrheitsgesellschafter und Namensträger klar gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen."

Wir wenden uns als lnvestigativ-Team an Sie: Wir sind schockiert von dieser Entscheidung.

Die Recherche zu Julian Reichelt und der BILD wurde redaktionell und juristisch über Monate abgestimmt, sowohl mit Markus Knall als auch mit der Rechtsabteilung. Erste Gespräche mit Markus Knall hierzu liefen bereits im März 2021. Über Monate wurde mehrfach die klare Absprache getroffen, auch in enger Abstimmung mit dem Justiziariat, dass wir unsere Rechercheergebnisse werden veröffentlichen können.

Wir haben nach allen Standards der investigativen Recherche gearbeitet und wasserdichte, zur Veröffentlichung geeignete, neue und exklusive Informationen recherchiert. Wir haben über Wochen die für eine Verdachtsberichterstattung notwendigen Fragen abgewägt und presserechtlich geklärt, haben hunderte Dokumente recherchiert und die Beleglage in umfangreichen Faktenchecks auch mit den Justiziaren durchgesprochen.

In den vergangenen Tagen wurden zahlreiche weitere Medien aus dem lppen-Netzwerk bereits über die bevorstehende Veröffentlichung informiert. Geplant war für Sonntagabend eine breite Veröffentlichung auf den digitalen Plattformen des Netzwerks, in den sozialen Medien, über Push-Nachrichten und Newsletter sowie am Montag in Print auf einer Doppelseite der Frankfurter Rundschau.

Dass Sie dennoch entscheiden, dass wir die Geschichte nicht veröffentlichen dürfen, widerspricht allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung. Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag. Wir fühlen uns dadurch in unserer Arbeit als Investigativ-Team beschnitten.

Besonders irritiert hat uns die Tatsache, dass für den Stopp der Recherche keine juristischen oder redaktionellen Gründe angeführt wurden. Auch die Anrufe der Springer-Verantwortlichen bei der Ippen-Mediengruppe sollen nicht der Grund gewesen sein - sondern persönliche Geschmacksfragen. Hierzu möchten wir klarstellen: Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin und an diesen Recherche-Ergebnissen besteht ohne jeden Zweifel ein hohes öffentliches Interesse.

Die Arbeit im lnvestigativ-Team ist: Die Öffentlichkeit über Missstände zu informieren und damit zum gesellschaftlichen und politischen Willensbildungsprozess beizutragen. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für die Veröffentlichung von Missständen in Wirtschaft und Politik, sondern auch für Missstände in anderen Medien. In diesem speziellen Fall halten wir das öffentliche Interesse an unseren Rechercheergebnissen sogar für überragend, weil sie die meistgelesenste deutsche Tageszeitung, die BILD, betreffen, sowie einen internationalen Milliardenkonzern.

Die Entscheidung stellt unsere Arbeit als lnvestigativ-Team fundamental in Frage. Wir müssen darauf vertrauen können, dass Inhalte über eine Veröffentlichung entscheiden und nicht persönliche, politische oder geschäftliche Gründe.

Wir haben uns über Jahre eine Reputation aufgebaut, die extrem wichtig für das lnvestigativ-Team insgesamt und unsere jeweilige individuelle Arbeit ist. Für unsere Arbeit ist es essentiell, dass Quellen uns auch künftig vertrauen - und dass inhaltliche Entscheidungen von der Redaktion getroffen werden. Das Vertrauen von Quellen ist der absolute Kern unserer Arbeit.

Die Gründung des lnvestigativ-Teams wurde vom lppen-Verlag im Juni diesen Jahres weitreichend kommuniziert und beworben. Seit der Übernahme unseres Teams wurde uns mehrfach gesagt, unsere Role sei auch eine die, einen Qualitätsschub im Netzwerk auszulösen. Wir haben immer wieder kommuniziert, dass für unsere Arbeit redaktionelle Unabhängigkeit die Grundlage ist.

Die heutige Entscheidung bedeutet für uns einen Vertrauensbruch in der Zusammenarbeit zwischen Investigativ-Team und dem Verlag. Wir sind von dieser Entscheidung zutiefst enttäuscht.

Wir fragen uns: Wie sollen wir diese Entscheidung gegenüber unseren Quellen, Kolleg:innen und Kooperationspartner:innen erklären?

Wir müssen sicher sein, dass auch im Hause lppen die Trennung von Redaktion und Verlag gilt.

(Es unterzeichnen Drepper, sein Vize und zwei mitwirkende Reporterinnen)

Maßgeblich an der Recherche beteiligt war die Journalistin Juliane Löffler. “ Ich hab 30 Minunten geschlafen letzte Nacht und weiß nicht, was als nächstes passiert. Aber hier sind einige der Rechercheergebnisse, die ich bei Ippen nicht veröffentlichen durfte”, schreibt sie im Netz mit Verweis auf einen Beitrag im “Spiegel”.

Hubert Jakob Denk

Transparenzerklärung: Der Autor gehört zur seltenen Gattung "freier Journalist und Herausgeber". Er hat keine Verleger über sich, vor 15 Jahren mit Unterstützung der Passauer Gesellschaft aus einem seit 1999 betriebenen Lokalnachrichtenplattform "Mediendenk" die Kaufzeitschrift "Bürgerblick" gegründet. Er ist über den Bayerischen Journalistenverband dem Presserat angeschlossen und Mitglied im Verein „Netzwerk Recherche“, der journalistisches Handwerk und Haltung hochhält. Den Leitlinien der Transparenz folgend und Abgrenzung von der Werbewirtschaft demonstrierend erscheint seit Sommer das gedruckte Heft mit einem absolut anzeigenfreien redaktionellen Teil, die Werbekunden gesammelt in einem gesonderten Auftritt. In seiner Zeit als Festangestellter war der dieser Herausgeber in leitenden Funktionen unter anderem beim Axel-Springer-Verlag und Gruner+Jahr tätig; er dient diesen und anderen Medienhäusern noch heute zeitweise als freier Jorunalist.   

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