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Brennpunkt | Freitag, 05. Februar 21

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Januar im Stadtgebiet Passau: tägliche aktive Fälle (orange), tägliche neue Fälle (blau) und grau summiert der Anstieg der Todeszahlen.
Die Corona-Lage

Burnout im Klinikum, ungebremste Todeszahlen und Impfnotstand

Die Seuche hat das Land fest im Griff.

Die Corona-Inzidenz verharrt im Stadtgebiet lange bei 200, seit Wochenmitte deutlich darunter. Der Landkreis erholte sich, aber im Landkreis Regen war kurzfristig wieder die 250er Marke erreicht. Warum? Die Kontaktsperren sind nicht vergleichbar mit denen im Frühjahr, aus der ersten Welle sind wir mit einer kleinen zweistelligen Inzidenz in den Sommer gegangen. Die Gesundheitsämter hatten alles unter Kontrolle, jetzt: Fehlanzeige.

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April im Stadtgebiet Passau: tägliche aktive Fälle (orange), tägliche neue Fälle (blau) und grau summiert der Anstieg der Todeszahlen.
Wer nach Lockerungen ruft, sollte der Wahrheit ins Auge blicken: Die aktuellen Zahlen liegen noch immer doppelt so hoch wie zur Spitze im Frühjahr. Die zweite Welle traf unsere Heimat mit fast der vierfachen Wucht gemessen an der Ausbreitung, mit dem zehnfachen Leid gemessen an der Zahl der Toten. Und wir sind noch nicht am Ende der Welle. Der Autor hat die 180 Daten der Monate April 2020, das abklingen von der Spitze, und Januar 2021 ausgewertet und in einer Tabelle verglichen: Zahl der registrierten aktiven Virusträger im Stadtgebiet, Zahl der täglich gemeldeten neuen Fälle, Zahl der Sterbefälle. Sehen Sie dazu die Grafiken.

41 Sterbefälle seit Sonntag
Die Welle schlägt verzögert in den Kliniken, danach auf den Friedhöfen ein. Stadt und Landkreis Passau melden seit Sonntag 41 Sterbefälle, davon 37 der Landkreis. Viele Betagte und Hochbetagte, aber auch Männer und Frauen, die erst vor Kurzem das Rentenalter erreicht hatten.Diese Woche war gemessen an den Sterbezahlen die schlimmste in der Pandemie.

41 Tote meldeten Stadt und Landkreis Passau seit Sonntag, davon allein das Land 37. Allein heute, Freitag, meldet das Landratsamt 12. Nach unseren Aufzeichnungen die bisher höchste Sterbezahl an einem Tag.

Zur Einordnung: In der gesamten ersten Welle hatte es im Landkreis 31, in der Stadt 21 Tote gegeben. Jetzt summieren sich die registrierten Sterbefälle auf über 350: 99 in der Stadt und 253 auf dem Land.
Statistik: Mit 187 Toten je 100.000 Einwohner haben das Stadtgebiet und mit 132 Toten der Landkreis Passau einen Wert erreicht, der doppelt und fast dreifach über dem deutschen Durchschnitt von 72 (landesweit 60.000 Tote) liegt.

 

Mit 85 Patienten, Stand Dienstag, ist die Zahl der Patienten im Klinikum Passau nach wie vor hoch, die Kreiskrankenhäuser zählen 59. Künstlich beatmet werden 10 Corona-Erkrankte.

Der Aufruf der Regierung an die Unternehmen, die Beschäftigten so weit wie möglich in Heimarbeit zu schicken, verhallt mancherorts ungehört. Während die Zahnradfabrik beispielsweise sofort reagierte und die Kontakte zumindest in den Büros beschränkte, ducken sich mittelständische Unternehmen weg. Wo keine Strafe, da kein Zwang.

Die Redaktion kennt Fälle. Da ist der Betreiber eines Autohauses, der seine Rechnerprogramme auf den neuesten Stand gebracht hat, damit der digitale Austausch mit den Computern am Heimarbeitsplatz funktionieren kann. Aber die Leute sitzen danach weiter zusammen in den Büros. „Mitte Februar ist der Lockdown sowieso vorbei, dass kann man noch abwarten“, heißt es vom Chef. Andere Arbeitgeber versenden Schreiben, in denen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass "Homeoffice" keine Pflicht, also nicht angeordnet ist. Zwischen den Zeilen lässt sich lesen, dass es nicht erwünscht ist.

Es läuft an vielen Orten lasch. Beispiel Kindergarten, ein Virusknoten zu den Familien und den Kontaktpersonen der Kindergärtnerinnen. Das bayerische Kabinett hat beschlossen, dass jeder Kinderbetreuende zwei (in Worten: zwei) FFP2-Masken erhält. „Die Masken können beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit im öffentlichen Nahverkehr oder auch in der Kindertageseinrichtung genutzt werden, beispielsweise bei Elterngesprächen“, heißt es.  Und ein Satz folgt, der Eltern empört, die nicht wollen, dass ihr Kind das Virus nach Hause bringt: Eine Pflicht zum Tragen einer FFP-2-Maske am Arbeitsplatz bestehe nicht.

Eine Meldung der Stadt Passau belegt, wie berechtigt die Sorge mancher Eltern ist. An zwei städtischen Kindertageseinrichtungen sind drei Beschäftigte positiv getestet wurden, bedeutet Quarantäne für acht Kinder und vier Kolleginnen. Es gibt Beruhigendes von Wissenschaftlern. Kindern bis 12 Jahre stecken sich weniger an und sind weniger ansteckend als Erwachsene. Ab 12 gebe es keine Unterschiede zum Erwachsenen mehr, erklärte gestern Karl Lauterbach in Berufung auf aktuelle Studien in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Noch eine gute Nachricht: Der russische Impfstoff beweist sich offenbar fast genau so hochwirksam wie Biontech/ Pfizer und Moderna. 

"Alles wird auf den Rücken der Gastronomie und der Händler ausgetragen, Handwerk und Büros sind nicht betroffen", ärgert sich ein Geschäftsmann aus dem Neumarkt. Er hat das Protestplakat "Wir machen auf..." ins Schaufenster geklebt. Dass er als wirtschaftlich schwer Angeschlagener den "Querdenkern"  an den Lippen hängt, will er nicht leugnen. "Dann gehöre ich eben auch zu den Verschwörungstheoretikern."

Der sogenannte Lockdown verdient seine Bezeichnung nicht. Die Coronasperren kamen zu spät und zu zaghaft. Jetzt ziehen sie sich wie Kaugummi und zerren an den Nerven. Der Reporter erhält Fragen wie diese: Wer um 23 Uhr alleine auf der Straße unterwegs ist riskiert ein Bußgeld von 500 Euro, aber wenn er zehn Stunden später mit zehn Leuten im Großräumbüro sitzt, besteht offenbar keine Ansteckungsgefahr?

Die Politik müsste ihre Maßnahmen besser erklären und zugleich offenlegen, warum sie da und dort zaudert. Die Ausgangssperre ist zweifellos ein wirksames Mittel, private Treffen zu unterbinden. Aber Großraumbüro und Bauhandwerk traut sich keiner strafbewehrt einzuschränken, der Aufschrei von Handel, Gastro und Kultur ist schon laut genug. Der Staat schickt Gutscheine für FFP2-Masken. Das ist keine Schikane, sondern ein Verzweiflungsakt.

Wir haben uns eine Reihe von Fragen notiert, die wir die nächsten Tage abarbeiten.

  • Wer sind die tagtäglich rund 200 Passauer, die nachgewiesen das Coronavirus tragen?
  • Statt einer Halle in Kohlbruck genügte das Wartezimmer eines Hausarztes, um die Impfungen abzuwickeln. Wird die jemals gebraucht werden und wie lange werden sich die Impfungen hinziehen?
  • Was hat wirklich zum "Burn Out" im Klinikum geführt?

Wir wollten zum Stichtag 29. Januar die Altersstruktur der 195 Ansteckenden und Erkrankten im Stadtgebiet, der sogenannten Aktiven wissen:

  • 29 Prozent der aktuell Infizierten sind älter als 80, die meisten Betroffenen sind Heimbewohner. In absoluten Zahlen: 57 der 195.
  • 43 Prozent sind 59 Jahre und jünger. In absoluten Zahlen: 83 der 195, darunter 6 Kinder. In dieser Altersgruppe jünger als 59 fallen auch die 58 Beschäftigten im Klinikum.
  • 28 Prozent sind 60 bis 79 Jahre alt. In absoluten Zahlen: 55 von 195.

Die Rechercheure des Gesundheitsamtes haben seit Monaten den Überblick über die Ausbreitung verloren. Jeder positiv Getestete zählt im Schnitt vielleicht zehn Kontaktpersonen aus dem beruflichen und privaten Umfeld. Bei 20 neuen Fällen wären 200 Gefährdete zu infomieren. Die Nachfragen der Bürgermeister oder Landräte, wo sich die Seuche verbreitet, ob es bestimmte Nester gibt, geht meist ins Leere. "Die Lage ist diffus"", lautet die Standardauskunft. Mitwirkende gehen davon aus, dass immer häufiger Infizierte dem Gesundheitsamt gegenüber bewusst ihre Kontaktpersonen verschweigen, damit diese einer Quarantäneanordnung entgehen. Sie glauben damit Bekannten und Freunden einen Gefallen zu tun. Befinden sich in der unbekannten Kette symptomlose Verbreiter, grassiert die Seuche aufs Neue. Es würde erkären, warum die Infektionszahlen so schleppend nach unten gehen. Analysen sind zudem erschwert, da die Gesundheitsämter nicht die Berufe der Betroffenen erfassen. Diese Angaben könnten hilfreich sein, die Schutzmaßnahmen sinnvoll auszurichten.

Diejenigen Kritiker, die rufen „Die vulnerablen Gruppen müssen geschützt werden“ sind bisweilen dieselben, die mahnend auf die Freiheitsrechte pochen „Die Alten darf man nicht einsperren!“ Das Virus wird in den Alten- und Pflegeheimen nicht geboren. Es wird hineingetragen. Mutmaßlich von Menschen der Altersgruppe, die Sie oben in den 43 Prozent finden. Pflegekräfte, Lieferanten, Besucher. Die Wahrheit, die keiner ruft: Alle Pflegenden und Mediziner, die Kontakt zu den Alten und Patienten haben, auch Mütter und Väter, müssten sich selbst im Privatleben wegsperren, dürften zu niemanden Kontakt haben. Durchsetzbar? Regelmässige Reihentestungen würden ersatzweise das Risiko minimieren. Nachfragen ergeben, dass diese selbst bei Personal an der Coronafront maximal einmal die Woche stattfinden. Massentest sehen andere Länder als probates Mittel, Brandherde einzudämmen und zu löschen. Zu viele Testungen treiben die Zahlen in die Höhe, ist eine weit verbreitete falsche Erzählung. Fakt ist, sie merzen das Virus aus, denn Virusträger lassen sich schneller isolieren. 

Impfen im Schneckentempo
Damit eine Stadt wie Passau gegen das Coronavirus weitgehend immun ist, müssten 60 Prozent der Bevölkerung, das sind etwa 31.800 Menschen, an Corona genesen oder geimpft sein. Für das derzeitigen Impftempo haben wir hochgerechnet, wann das so weit wäre:

  • Im Juli 2024, also in dreieinhalb Jahren, bei derzeit 25 Neugeimpften in Passau pro Tag.
  • Im April 2023, also in zwei Jahren und zwei Monaten, falls die Zahl der Neuinfektionen auf dem letzten Niveau, bei 15 pro Tag, verharrt (Inzidenz 105, viel zu hoch).

Die Wahrheit wird wohl hoffentlich woanders liegen, realistisch ist Sommer 2022.

Wir sind derzeit bei einem Zehntel der möglichen Impfkapazität. Erinnern wir uns, was gesagt wurde, als die Impfhalle in Kohlbruck, die X-Point-Halle, zum Jahresende vorgestellt woren ist: Theoretisch könnten hier täglich 200 Impfungen durchgeführt werden, weitere 100 von zwei Teams im Außendienst. Bei diesem Höchsttempo wäre Passau durchgeimpft bis Mai.

Im Klinikum Passau hat der wochenlange Corona-Marathon mit zeitweise über 100 Patienten dazu geführt, dass das Personal ausgebrannt ist, physisch und psychisch. Am Freitagnachmittag hatte die Pressesprecherin die Nachricht verbreitet, die landesweit für Aufsehen sorgte: Das Klinikum sei an seinen Kapazitätsgrenzen angelangt, es meldet sich insofern ab, als nur mehr Notfälle aufgenommen werden. Was nützt das freie Krankenhausbett, wenn das Personal fehlt, dieses zu betreuen? Liegt hier das Problem? Was die Ursachen im Klinikum betrifft, steht eine genaue Erklärung noch aus. Es wird hier nachgetragen. Der Ausfall von 58 Beschäftigten spielt sicher mit eine Rolle.

Diese alarmierende Meldung aus dem Klinikum vom Freitag hat dieses Magazin nicht sofort in die Schlagzeilen gehoben. Sind die Redaktionen schon vom bestimmten Stimmen im Netz derart eingeschüchtert, dass sie Nachrichten unterdrücken, um nicht als Panikmacher dazustehen? Die Anfrage eines Lesers wird ehrlich beantwortet: Der Reporter war an diesem Tag in den Vertrieb eingebunden, Etiketten kleben und Zeitungspakete befördern. Die Ein-Mann-Redaktion war nicht besetzt, wir sind keine Tageszeitungsredaktion.

Beitrag wird regelmässig ergänzt und überarbeitet.



 

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04:40
Sonntag
07. März 2021
 
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