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Brennpunkt | Samstag, 20. März 21

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Atommüll: ein wachsendes Risiko. Luftlinie 100 Kilometer entfernt liegt das tschechische Atomkraftwerk Temelin. (Quelle: Bürgerblick Nr. 140)
Wohin mit dem Strahlenmüll?

Das Märchen vom sauberen Atomstrom

1957 ging in München-Garching der erste deutsche Atomreaktor in Betrieb. Die „saubere Atomenergie“ hat uns ein schwieriges Erbe hinterlassen. In Fässern gerechnet 134.000. Wohin mit dem Strahlenmüll?

(Dieser Beitrag erschien im Novembermagazin 2020. Aus aktuellem Anlass zum Atommüllbeitrag von Jan Böhmermann im letzten "ZDF-Magazin Royal" hier kostenlos zum Nachlesen)

Unsere Spezies existiert seit 300.000 Jahren. Ihr Erfindergeist und Energiehunger haben in den letzten sieben Jahrzehnten etwas Unvorstellbares erreicht. Sie muss sich die Frage stellen: „Wo ist der radioaktive Abfall unserer Atomkraftwerke für eine Million Jahre sicher?“ Mal davon abgesehen, dass diese Fragestellung untertrieben ist. Der Rohstoff Uran 238 beispielsweise hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren. Bedeutet: Die Menge der zerstörerischen Strahlung sinkt in dieser Zeit auf die Hälfte, nach 9 Milliarden Jahren auf ein Viertel und so weiter.

2017 ist die Suche für ein neues Endlager gestartet worden. Der Salzstock in Gorleben erweist sich aus heutiger Sicht als ungeeignet. (Anm. d. Red.: Der Standort war eine politische Entscheidung, die Grenznähe zur DDR). Bei der Endlagersuche gehe es ausschließlich um die hoch radioaktiven Abfälle, erklärt uns Pressesprecherin Lisa Ahlers vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung auf Anfrage. Sie benennt die Mengen. Wenn bis 2022 alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind, werden rund 1.900 Behälter angefallen sein. Inhalt: benutzte Brennelemente und Abfälle der Wiederaufarbeitung. Volumen: 27.500 Kubikmeter, entsprechend einer Schwermetallmasse von 17.000 Tonnen.

Wie muss man sich den Inhalt der Behälter, dessen Beschaffenheit vorstellen? Abfall, das sind die verbrauchten Brennstäbe oder Brennelementekugeln. Die Stäbe sind bis zu fünf Meter lange metallische Rohre, ein bis anderthalb Zentimeter dick, gefüllt mit Uran- und Plutoniumoxid, graue Farbe. Aus schwarzem Grafit bestehen die knapp tennisballgroßen Kugeln, in denen Partikel aus Uran- und Thoriumoxid eingebettet sind. Zudem fällt radioaktive Asche an, die, in Glas eingegossen, in eineinhalb Meter lange Edelstahlrohre verbracht wird.

Wäre es nicht einfacher, die Zwischenlager zu behalten und beizeiten die Behälter zu erneuern? „Zwischenlager sind oberirdische Hallen, in denen die hoch radioaktiven Abfälle für einen begrenzten Zeitraum gelagert werden können. Die Genehmigungen sind bewusst auf 40 Jahre befristet erteilt, damit nicht der Eindruck entsteht, Zwischenlager könnten zu Endlagern werden“, antwortet Ahlers. Der Aufwand für Technik, Stacheldraht, Schutzmauern und Wachpersonal entfalle bei unterirdischen Lagern.

Das Märchen von der „sauberen Kernenergie“ war spätestens aufgeflogen, als die Suche nach einem „Atomklo“ begann. Der Salzstock von Gorleben wurde ein Schauplatz wie heute der Hambacher Wald. Vor 40 Jahren sind Atomkraftgegner aus der ganzen Bundesrepublik angereist, um die Bohrstelle zu besetzen. Tausende Beamte waren im Einsatz, die Baustelle zu räumen. Jeder Castor-Transport, der Gorleben beschicken sollte, wurde zur Herausforderung. Die Atomkraftgegner besetzten Schienen und kippten Mist auf Kreuzungen.

Der erste Atommülltransport mit leicht radioaktivem Material rollte im Oktober 1982 nach Gorleben. Vier Jahre später ereignete sich in der Ukraine das Unglück von Tschernobyl. Den Menschen wurde vor Augen geführt, was die unsichtbare Gefahr anrichten kann. Einer der vier Reaktorblöcke war in Brand geraten. Zwei Explosionen schleuderten radioaktives Material hoch in die Atmosphäre. Der Niederschlag verseuchte Mitteleuropa, radioaktiver Regen ging insbesondere in den östlichen Teilen Bayerns nieder.

Passauer Feuerwehrleute, geübt im Umgang mit Feuer und Hochwasser, mussten erstmals mit Geigerzähler und Schutzanzügen ausrücken. Vor allem Luftfilter in Schiffen und Fahrzeuge, die aus Osteuropa eintrafen, waren stark kontaminiert. Beamte der Grenzpolizei kontrollierten mit Messgeräten Körper und Kleidung der Einreisenden. In der Not lagerten die Passauer das strahlende Zeugs anfangs im Schlauchturm der Hauptfeuerwehrwache, später auf Sondermülldeponien.

Das radioaktive Isotop Cäsium 137 gelangte über Pflanzen und Tiere in den Nahrungskreislauf. Es strahlte in Milch und Wein, in Pilzen und Wildschweinen; in letzteren bis heute. Die Strahlkraft halbiert sich alle 30 Jahre.

Die Standortwahl fürs Endlager soll heute für alle nachvollziehbar und einsehbar sein. Das Verfahren liegt in den Händen des „Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“. Es gibt eine Parallele zu Corona: Nicht der politische Wille, sondern die Erkenntnisse der Wissenschaft sollen zum Ergebnis führen. Das wird selbst von den ehemals rührigsten Atomkraftgegnern begrüßt.

Die Grünen kämpfen seit ihrer Gründung gegen die Nutzung von Atomkraft. Das Unglück von Fukushima beschleunigte ihr Ziel. Ein Tsunami hatte am 11. März 2011 das Atomkraftwerk an der japanischen Küste getroffen. Stromausfall. Die Reaktorkühlungen fielen aus. Kernschmelze. In Passau hat ein Lkw-Bauer daran mitgewirkt, Betonspritzfahrzeuge umzubauen, damit sie am Unglücksort als Löschkanonen eingesetzt werden konnten. In Japan entscheidet die Regierung, ob 1,2 Millionen Tonnen belastetes Wasser ins Meer abgelassen werden sollen.

Der Freyunger Kreisrat und Abgeordnete Toni Schuberl schreibt heute zur Endlagerdebatte: „Ich bin überzeugt davon, dass diese ‚Deponie-Entscheidung‘ nur aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen und nicht durch kurzfristige Parteipolitik nach dem Sankt-Florian-Prinzip getroffen werden kann.“ Die 90 niederbayerischen Grünen verfassten in ihrer Herbsttagung einstimmig in diesem Sinne eine Resolution. Die Bayerische Staatsregierung könne sich nicht aus der Verantwortung nehmen, denn schließlich komme ein Viertel des Atommülls aus bayerischen Atomkraftwerken.

Wie zerklüftet ist der Saldenburger Granit?

Ende September ist eine Karte veröffentlicht worden, sie zeigt alle in Deutschland grundsätzlich geeigneten Gebiete: Granit, Ton, Salzstöcke. Selbst dicht besiedelte Regionen kommen infrage. Die Bevölkerungsdichte spielt bei der Benennung zunächst keine Rolle, nur die Bodenbeschaffenheit. Jeder Untergrund hat Vor- und Nachteile. Das radioaktive Material ist tückisch, es kann hohe Temperaturen entwickeln.

Salzgestein hat eine kühlende Wirkung, schließt luftdicht ab, ist aber wasserlöslich: Gefahr fürs Grundwasser. Tongestein, wie es in Niederbayern westlich vom Inn vorkommt, dichtet gut ab, schützt das Grundwasser, trocknet bei hohen Temperaturen aus und wird porös. Granit gehört zur stabilsten Gesteinsformation, ist hitzebeständig, aber unberechenbar: Unentdeckte Spalten und Klüfte können Gase und Flüssigkeiten entweichen lassen.

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Blick ins Bürgerblick-Archiv: Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011. (Quelle: Bürgerblick Nr. 140)
Der Saldenburger Granit kam 1995 erstmals in die Diskussion. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hatte im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt und Forschung untersucht, ob er sich besser eigne als der Salzstock von Gorleben. Atommüll soll sich – zum Beispiel im Fall neuer Erkenntnisse – laut einer Vorgabe selbst nach 500 Jahren problemlos bergen lassen. Granit erfüllt diese Anforderung, Salzgestein nicht.

Martin Behringer, dem Bürgermeister des Luftkurorts Thurmansbang, hat die aktuelle Standortsuche einen Auftritt in der Tagesschau beschert. Seine Gemeinde zählt 2.500 Einwohner. Zusammen mit dem Bürgermeister von Saldenburg tritt der Freie Wähler seit jeher als Anführer der Gegner eines Atomendlagers im Saldenburger Granit auf. Die Erkenntnis, dass 54 Prozent von Deutschland infrage kämen, das sei für ihn „fünfte Klasse Erdkunde“, formuliert er überspitzt. Er sorgt sich, dass seine Heimat „nicht aus dem Schneider“ ist. „Wir haben Kontakt mit der Bayerischen Staatsregierung, damit wir Hilfe bekommen und Aufträge zur geologischen Untersuchung unseres Gebiets vergeben werden“, sagt er. Er will nachweisen, wovon er „felsenfest überzeugt“ ist: dass der Saldenburger Granit unterirdisch stark zerklüftet, also ungeeignet ist. Warum man nicht den Untersuchungen der Bundesämter vertraue? Er lässt die Antwort offen und begründet seine Skepsis: „Gorleben war auch immer als geeignet eingestuft und auf einmal ist es ungeeignet.“

Nach der Stadtflucht entdecken die Leute, von Corona bestärkt, wieder das Landleben. Behringer bestätigt den Trend, sieht ihn aber durch ein Endlager gefährdet. „Für die Region wäre ein Endlager der Totschlag hoch drei“, sagt er. Er könne sich nicht vorstellen, dass dann hier noch irgendjemand baue oder ein Haus kaufe. In seiner Gemeinde war 2008 der Tiefpunkt erreicht, Studien prophezeiten, dass sein Landkreis Freyung-Grafenau 10.000 Einwohner verlieren werde. „Das hat sich, Gott sei Dank, nicht bewahrheitet, ganz im Gegenteil, wir haben wieder Pluszahlen.“

Am Ende soll der Bundestag über den Standort entscheiden – basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2031 soll der Standort gefunden sein, ab 2050 sollen Behälter mit strahlendem Abfall dort unterirdisch eingelagert werden.

M. Ortner, S. Krüger, H.-J. Denk

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