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Brennpunkt | Mittwoch, 06. April 22

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Der Coronaschutz-Lockerer wider Willen hat in eigener Sache einen Rückzieher gemacht: Gesundheitsminister Lauterbach heute bei der Pressekonferenz. (Quelle: BR24)
Pandemipolitik

Minister Lauterbach besinnt sich: Quarantäne wird freiwillig, Isolation bleibt Pflicht

Die Medien und Öffentlichkeit sind seit heute in der Pandemie erstmals zu einer korrekten Sprache gezwungen, zu unterscheiden zwischen Isolation und Quarantäne. Vorher war die Kontaktsperre für Ansteckende, Erkrankten und all denjenigen, die mit den Genannten engen Kontakt hatten, pauschal als „Quarantäne“ bezeichnet worden. 

Die Unterscheidung ist unumgänglich, um die künftigen Coronaschutzmaßnahmen zu verstehen: 

  • Wer mit Ansteckenden oder Erkrankten engen Kontakt hatte, der entscheidet künftig eigenverantwortlich, ob er andere schützt und sich freiwillig in Quarantäne begibt.
  • Wer sich angesteckt hat, bleibt verpflichtet, sich in seinen vier Wänden zu isolieren. Er kann sich nach fünf Tagen freitesten.

Ansteckende und Erkrankte unterliegen - wie bei allen sich ausbreitenden gefährlichen Krankheiten – also auch fortan der Meldepflicht beim Gesundheitsamt. Dazu hatte es kurz eine Irritation gegeben, die der Gesundheitsminister selbst geschaffen hat. 

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat gestern Abend in der „Talk Show“ von Markus Lanz und später, früh um halb 3 auf Twitter, einen Fehler eingestanden: Er habe das „psychologisch falsche Signal“ gesetzt. Er hatte angekündigt, dass sich Erkrankte und Ansteckende eigenverantwortlich in Isolation begeben sollten. Corona, die größte Seuche der Neuzeit, wäre damit außerhalb der Kontrolle der Gesundheitsbehörden? Als sich Wissenschaft und Twitter-Blase, fast eine Million Menschen folgen ihm, mit Unverständnis und Empörung meldeten, wägte er die angekündigte Regelung neu ab und kassierte sie ein.

Lauterbach wollte mit der Isolation in Eigenverantwortung seine Behörden, die Gesundheitsämter entlasten, als Lockerung sei sie nicht zu sehen, erklärte er. Denn an seiner Beurteilung hat sich nichts geändert: Corona ist keine harmlose Erkältung, sondern eine ernstzunehmende hoch ansteckende Krankheit. 

Die Todeszahlen steigen: Heute werden vom Robert-Koch-Institut 340 Corona-Tote gemeldet. Sie werden ohne Reaktionen hingenommen, weil das Gesundheitssystem, die Intensivstationen in den Krankenhäusern, nicht überlastet sind. Entspannt ist die Lage nicht wirklich: In den Isolierstationen der Krankenhäuser erreichten und erreichen die Zahlen der Patienten zeitweise Dreiviertel des Höchststandes der Pandemie. Im Passauer Klinikum sind sie heute von zuletzt 74 auf 68 gesunken, auf der Intensivstation jedoch erhöht: von drei auf vier Corona-Patienten, davon zwei beatmet, vorher keiner. Im Klinikum, dies kommt erschwerend hinzu, sind, Stand heute, 72 Beschäftigte wegen Corona ausgefallen. Der Höchststand lag hier bei 170 vor gut drei Wochen.

SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat in der Ampelkoalition einen schweren Stand. Vom „Freiheitsdrang“ des FDP-Justizministers Marco Buschmann wurde er zuletzt immer wieder in Zugzwang gebracht, Lockerungen zuzustimmen, wie etwa die Maskenpflicht. Andernfalls, so habe ihn Buschmann aufgeklärt, drohten erfolgreiche Klagen, denn das Gesundheitssystem sei nicht mehr gefährdet.

Die Gesundheitsämter sind angesichts der hohen Inzidenzzahlen wie so oft überlastet. Deren Mitwirkende haben den Überblick verloren, kommen den positiv Getesteten nicht hinterher. Dies hat Lauterbach wohl zu seinem Fehlgriff motiviert. Der letzte Sommer ist erneut nicht genutzt worden, diese Behörden besser aufzustellen. Sie wurden unterstützt von Bundeswehrkräften, die mittlerweile abgezogen worden sind, weil sie in Osteuropa dringender gebraucht werden. Die Gesundheitsämter, auch diese Kritik ist zutreffend, kamen in der Digitalisierung nicht voran. Dass die Betroffenen mittlerweile nicht nur per Briefpost, sondern vorab per SMS angeschrieben werden, vermeldete beispielsweise das für Stadt und Landkreis Passau zuständige Gesundheitsamt in Fürstenzell als Erfolg.

Vernünftiger als die Politik zeigen sich viele Menschen. Blick in die Supermärkte: Der Großteil trägt beim Einkaufen Maske, wenn es eng wird. Blick in die Gastronomie: Manche Restaurants verlängern die 3-G-Pflicht. Sie zählen wohl darauf, dass sich hier die Umsichtigen und Vorsichtigen, welche die Mehrheit stellen, wohler fühlen. In den Schulklassen: Ein Großteil der Schulpflichtigen trägt die Maske freiwillig. Die Jüngeren gehen den Älteren mitunter als Vorbild voran.

Im Bundestag meckert heute die AfD über die beibehaltene Maskenpflicht im Saal - und muss sich von der Präsidentin zum Hausrecht belehren lassen. Durch das Hausrecht kann in Betrieben und Behörden, in Gebäuden öffentlicher und privater Dienstleister geregelt werden, welche Schutzmaßnahmen gelten.

Die Impfpflicht ab 60 ist Lauterbachs „Kompromiss“ und Versuch, auch diejenigen im Bundestag einzufangen, die einer verpflichtenden Schutzimpfung ab 18 oder 50 skeptisch gegenüberstehen. Sein schlagkräftiges Argument: 90 Prozent der Corona-Todesfälle betreffen die über 60-Jährigen, da könne sich keiner der Pflicht entziehen, diese Altersgruppe zu schützen. Morgen wird abgestimmt.

Was ebenso unangenehm auffällt: Die vernünftige Haltung der (im Netz schweigenden) Mehrheit der Menschen wird in der Corona-Berichterstattung der Medien oft übersehen. Sie spiegelt sich allenfalls in repräsentativen Umfragen wider. In der aktuellen Berichterstattung fischen sich Redakteurinnen und Redakteure gerne Stimmen aus dem Netz, verbreiten harsche Kommentare Einzelner als „öffentliche Meinung“. In Wahrheit vermitteln sie ein verzerrtes Meinungsbild. Selbst seriöse Medien wie der Bayerische Rundfunk werden zu Echokammern der Lauten und Empörten. 

hud

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