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Brennpunkt | Samstag, 17. April 21

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Impfung mit Astrazeneca: Über 60-Jährige sagen Termine ab, weil sie glauben, "Besseres" verdient zu haben. (Foto: mediendenk).
Zur Lage

Von Corona-Frust und Rosinenpickern in der Krise

Statistisch gesehen: Wenn sich am Samstag in Passau 400 Menschen mit Astrazeneca impfen lassen, vermeiden sie unter ihren Reihen vier bis fünf Todesfälle. Wie geschützt oder ungeschützt das Land aktuell in der Seuche ist? Wir haben den Taschenrechner zur Hand genommen, dazu am Ende des Beitrags. Zunächst zur Lage. 

Das Gespräch mit einem Freund war gestern unerquicklich. „Meine Generation hat die Schnauze voll und kann nicht mehr“, sagt der 30-Jährige. Er kenne viele, die sich an keine Regeln mehr hielten, sich in Gruppen träfen, notfalls in fremden Wohnungen übernachteten. Bei strengeren Verordnungen, die geplante erweiterte Ausgangssperre, fänden sie neue Schlupflöcher und nutzen diese auch.

Die Seuche und der Corona-Tod ein hinzunehmendes Schicksal?

Mindestens eine Million Menschen, die engsten Angehörigen durch Covid-19 verloren haben, werden entsetzt reagieren: „Nein, auf keinen Fall!“. Medizinerinnen und Mediziner brauchen wir nach ihrer Meinung nicht zu fragen. Einige von ihnen schlagen seit Wochen Alarm. Tatsache ist: Ein Corona-Patient setzt das Gesundheitssystem wie kein anderer unter Stress. Es beginnt beim Mitarbeiter im Gesundheitsamt, der den Kontakten eines positiv Getesteten hinterher telefoniert, geht weiter bei den Transportierenden des Erkrankten in Vollschutzmontur und endet bei sechs Pflegerinnen, die einen ins Koma Verlegten von Rücken- in Bauchlage betten müssen.

Jeder Vergleich von Corona-Patienten mit Unfallopfern, Krebs-, Herz oder Kreislauferkrankten ist falsch und unangebracht. Im Leben wie im Tod. Oder wäre es Ihnen egal, dass sie von einem geliebten Menschen im astronautenähnlichen Anzug Abschied nehmen müssen, ohne einen letzten Kuss, ohne ein letztes Mal seine Hand zu berühren? Keiner will sich ausmalen, in welch innere Panik die Erkrankten gelangen, wenn sie spüren, dass sie aus eigener Kraft nicht mehr genug Luft bekommen. Oder die psychische Belastung der Ärztinnen in der Intensivmedizin, die machtlos wie nie dem Tod gegenüberstehen.

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Passauer Fußgängerzone am Samstag: Trotz offener Geschäfte, Kundenverkehr mit Test möglich, ist wenig los. Viele Menschen üben sich nach wie vor in Zurückhaltung, meiden Kontakte. (Foto: mediendenk)
Es gibt einige wenige Mitmenschen, die an dieser Stelle nach ihrer Haltung die Dinge abwägen. Sie legen ihre persönlichen Einbußen und die der vielen anderen auf die eine Waagschale und das Leid von diesem kleinen Prozent der Leidtragenden auf die andere und sagen: „Na und?“. Dies geschieht mit der Zuversicht „Mich wird es schon nicht treffen.“ Dass ein Seuchenbrand, der nicht gelöscht wird, umso viel mehr Unheil anrichtet, übersehen sie. Da ist der Mangel für alle anderen Patienten, die medizinischer Hilfe bedürfen. Da ist der große Teil der Vorsichtigen und Umsichtigen, die bei akuter Seuchenlage Restaurants und Fitnessstudios meiden, selbst wenn sie geöffnet sind. Gerade kommt die Meldung, dass mancher Einzelhändler sich entscheidet, vom Kundenverkehr mit Test abzusehen, bei Liefer- und Abholservice zu bleiben, oder ganz zu schließen. Die Umsätze reichten nicht aus, Grundkosten und Personal zu bezahlen. 

Solange die Seuche tobt, krankt das Wirtschaftsleben mit und ohne Maßnahmen; umso stärker und nachhaltiger, je länger es sich hinzieht. Ausnahmen gibt es immer, von Krisengewinnern soll hier nicht die Rede sein. Die Erstgenannten, die "Na und"-Sager, die Corona im Kopf abgeschaltet haben, beruhigen ihr Gewissen mit Gedanken wie diesen: „Wir sind sowieso zu viele.“ Es sei doch gut, wenn die Erdbevölkerung weniger werde.

Vierzehn Tage echter Bewegungsstillstand, jeder wie Mönch oder Nonne in seiner Zelle - und Corona wäre Geschichte. „Das ist Utopie“, sagt mein Gegenüber. Es gelänge nur, wenn die gesamte Welt in dieses Kloster auf Zeit ginge. Undenkbar. Da sind wir wieder beim Schicksal unserer Zeit: Globalität, Mobilität, Schnelligkeit. Zwölf Stunden Flugzeit von Kopenhagen nach Kapstadt, vierundzwanzig von Auckland nach Amsterdam. Bevor es Flugzeuge gab, waren die Kontinente etwas mehr davor geschützt, dass ansteckende Krankheiten übersprangen. Schiffsreisen währten lange genug, sodass sich noch vor Landgang zeigte, ob ein Seuchenträger an Bord ist. Das Corona-Virus hat mit seiner Verbreitungsgeschwindigkeit einen Weltrekord aufgestellt. Der reisende Mensch ist sein Vehikel.

Also, wie weiter? Blick über den Tellerrand.

Der ehemalige Passauer BR-Korrespondent Ivo Marusczyk und jetzige Südamerika-Berichterstatter meldet heute aus dem neuen Hochinzidenzgebiet Argentinien: „Geschäfte und Lokale müssen um 19 Uhr dicht machen – in einem Land, wo viele erst um 23 Uhr zu Abend essen.“ In Buenos Aires bleiben zudem geschlossen Schulen, Kirchen, Fitnessclubs und Spielsalons. Wir sehen: Selbst Staatsmänner, Diktatoren und Querdenker, die Corona anfangs nicht ernst genommen haben, zwingt diese Seuche letztendlich in die Knie. Sie müssen erkennen, dass es offensichtlich keine wirksamere Methode gibt als die Kontaktschranken zu senken; zumindest, solange die Impfquote, der Schutz der Bevölkerung nicht gegeben ist.

Wie die Regierten auf Kontaktschranken reagieren? Es hängt von deren Verfassung und Wissensstand ab, ob sie wirken. Die Maßnahmenmüdigkeit der Bevölkerung, vor allem der Jungen, ist heute im Radio Thema gewesen, auf „Bayern 5“. Wird es uns im 14. Monat der Pandemie gelingen, Menschen noch einmal für ein "Klosterleben" zu gewinnen, auch diejenigen, die bereits abgebogen sind, die schon beim Anblick der Klostermauern davonlaufen? Andererseits: Es gibt in diesem Land mehr Bürgerinnen und Bürger als man vermuten möchte, die den Rückzug in ihre vier Wände mit Geduld und Gleichmut bewältigen. Sie sind im Gegensatz zu den Schreiern auf den Corona-Demos unsichtbar. Sie tauchen in den Umfragen auf, in der hohen Prozentzahl, die sich einen kurzen und endlich konsequenten Stillstand wünscht, einen Lockdown, der seinem Namen verdient. Bewegungsstudien, Handyauswertungen, haben ergeben, dass derzeit die Mobilität bereits wieder 80 Prozent des Normalzustands erreicht hat. 

Eine Tanzlehrerin plaudert durchs offene Fenster mit der Redaktion. Sie klingt optimistisch. Mit gültigem PCR-Test darf sie neuerdings die Teilnehmenden wieder unterrichten. Das sei überfällig gewesen, denn die Jugend leide am meisten unter dem Lockdown. Aber zurück im Präsenzunterricht zeige sich, wie gespalten selbst hier die Betroffenen sind. Einige blieben fern. "Da gibt es die Testverweigerer, die wissen gar nicht, was sie verpassen", sagt sie. Die hätten verschiedene Motive. Manchen seien die Tests in der Schule schon zu viel, andere glaubten, dass der PCR-Test unangenehmer sei als der Schnelltest. Und dann sind da noch diejenigen, die sich an den Kurs per Bildschirm gewöhnt haben, an "bequem von Zuhause aus" und sich nichts anderes mehr wünschen.

Zurück an den Redaktionsbildschirm. Karl Lauterbach lässt der Öffentlichkeit wissen, wie feindlich ihm gewisse entnervte Corona-Maßnahmenmüde gegenüberstehen. Unbekannte haben sein Stadtauto mit einem Farbeimer übergossen. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, stellt sich vor ihn: Lauterbach sei mit seinen wissenschaftlichen Expertisen im Dienst der Bürgerinnen und Bürger unterwegs. Um den besten Weg müsse ein demokratisches Land „fair, mit Respekt und ohne Gewalt“ streiten. Schwesig, auch das gehört zur Wahrheit, hatte lange Zeit einen Lockerungskurs eingeschlagen. Es erging ihr wie Kretschmer in Sachsen und Ramelow in Thüringen. Sie musste umdenken. Lauterbach gehört zu den wenigen, der von Anfang an Klartext spricht, denn keiner hören will. Aktuell: Die Dringlichkeit, alles zu tun, damit sich keine weiteren Virusmutationen im Land ausbreiten. Es würde die Impfkampagne zunichtemachen. Er verweist auf die dramatische Entwicklung in Indien.

Corona laufen lassen, weil alles andere nicht mehr auszuhalten ist? Nach dem unerquicklichen Gespräch mit dem Freund hat der Autor den Taschenrechner zur Hand genommen. Was würde das bedeuten? 

  • Berechnung der Ungeschützten: 83,2 Millionen Einwohner, davon 15,4 Millionen mindestens einmal geimpft, 3,1 Millionen „Corona-Genesene“ und 3,7 Millionen (Dunkelziffer RKI-Studie: Faktor 2,2), die Corona unerkannt hinter sich haben. Aktuell sind also 60 Millionen Deutsche der Seuche noch ungeschützt ausgesetzt.
     
  • Berechnung Corona-Todesrisiko: Nach aktueller RKI-Statistik endet jeder 40. gemeldete Fall tödlich. Sterblichkeitsrate: 2,5 Prozent. Die Dunkelziffer der 3,7 Millionen unentdeckten Fälle berücksichtigt, stirbt jeder 85. Sterblichkeitsrate: 1,2 Prozent. Aber wir dürfen nicht nur die Toten rechnen. Hinzu kommt die unbekannte Zahl der Erkrankten mit Langzeitleiden.
     
  • Berechnung der Seuchenopfer: Bei der genannten Sterblichkeitsrate von 1,2 Prozent würden wir weitere 700.000 Tote hinnehmen. Manche werden sagen, dass die Sterblichkeitsrate niedriger sein müsste, weil die künftigen Erkrankten jünger sind. Andere würden entgegenhalten, dass die neuen Virus-Varianten aggressiver wirkten. Selbst wenn wir vom Minimum ausgingen, einer Sterblichkeitsrate von 0,5 Prozent, wie sie der von Corona-Verharmlosern oft zitierte US-Statistiker Ionnadis errechnete: Deutschland hätte weitere 300.000 Tote zu beklagen. Es sind nicht mehr die Großeltern, sondern Eltern, Brüder und Schwestern, Partnerinnen und Freunde. 
     
  • Ergebnis: Mehr als 60 Millionen Menschen sind in Deutschland zum aktuellen Stand ungeschützt der Corona-Seuche ausgesetzt. Ohne Maßnahmen riskierten wir mindestens 300.000 weitere Corona-Tote. Dass in den Kliniken Chaos und Triage herrscht, träte zudem ein.

100.000 Impfdosen können 1.000 Todesfälle verhindern

Der einzige Weg aus diesem dunklen Tal sind die Impfungen. Wer sich impfen lässt, schützt sich und die anderen, egal mit welchen Vakzinen. Die obigen Berechnungen betrachtet kann grob gesagt werden: 100.000 Impfdosen können 1.000 Todesfälle verhindern. Der Schutz ist 1000fach höher als das Risiko einer Impfkomplikation. Deshalb war die freiwillige Impfaktion mit Astrazeneca für über 60-Jährige, egal wo sie herstammten, in Passau-Kohlbruck eine wichtige Maßnahme.

Kanzlerin Merkel und Vize Olaf Scholz haben sich am Freitag mit Astrazeneca impfen lassen. Rational, pragmatisch, solidarisch. Die Impfreaktionen sind auszuhalten, der Autor hat es vor einer Woche selbst getestet. Umgekehrt haben einige Männer und Frauen ihre Astrazeneca-Termine abgesagt, weil sie glauben, sie hätten "Besseres" verdient. Den Vorwurf, dass sie der jüngeren Generation eine Dosis Biontech wegnehmen, den müssen sich diese gefallen lassen. Diese Rosinenpicker in der Krise zeigen, wie dekadent Teile dieser Gesellschaft geworden sind. 

HJD

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18:16
Sonntag
16. Mai 2021
 
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KULTUR AM BILDSCHIRM
16.05. | Sonntag
OPERNHAUS
Die unsichtbare Hand
 
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Schauspiel des New Yorker Autoren Ayad Akhtar in der Mediathek. Banker Nick wird zur Geisel einer islamistischen Splittergruppe und will sich seine 10 Millionen Euro Lösegeld selbst an der Börse verdienen. Bald gerät er in die Fesseln der allumfassendes Macht des Marktes. Regie: Heinz Oliver Karbus. 


12:00 Uhr | Eintritt frei
OPERNHAUS
Urfaust
 
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Johann Wolfgang von Goethes Prosastück aus dem Jahr 1775. Eine Tragödie nach der Volkssage um Doktor Faustus. In den Hauptrollen: Ursula Erb als Mephisto sowie Julian Ricker als Faust. Regie: Peter Oberdorf.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
OPERNHAUS
Madama Butterfly
 
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Giacomo Puccinins weltberühmte Oper weltberühmte Oper erzählt die tragische Liebesgeschichte der Geisha Cio-Cio-San (Yitian Luan), die vom in Japan stationierten Offizier Pinkerton (Jeffrey Nardone) mit einem Kind sitzengelassen wird. Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
OPERNHAUS
Die Fledermaus
 
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Verwechslungskomödie von Johann Strauß (1825–1899) um den leichtlebigen Gabriel von Eisenstein (Peter Tilch) und seine untreue Frau Rosalinde (Henrike Henoch). Gilt als Klassiker der Wiener Operettenära und zeigt eine dekadente Gesellschaft. Intendant Stefan Tilch verlegt das Stück ins Pandemiejahr 2020.


12:00 Uhr | Eintritt frei
OPERNHAUS
Die Zauberflöte
 
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Die wohl bekannteste Oper von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahre 1791. Sie erzählt nach einer Geschichte des Straubingers Emanuel Schikaneder vom Prinzen Tamino, der sich in phantastischen Welten beweisen muss. Musikalisch verschmelzen hochdramatische Arien und volksliedhafte Gesänge.


12:00 Uhr | ab 6 Euro
OPERNHAUS
Die Zofen
 
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Die Schwestern und Zofen Claire (Friederike Baldin) und Solange (Ella Schulz) spielen in der Abwesenheit ihrer Arbeitgeberin (Antonia Reidel) "Herrin und Dienerin". Nachdem der versuchte Mord der "gnädigen Frau" daneben geht, vergiftet die eine den Tee der anderen. Ein Schauspiel von Jean Genet (1910-1986). Regie: Markus Bartl.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro

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