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Meinung | Freitag, 24. Dezember 21

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Blick von einer Anhöhe bei Höch über den Inn auf die Alpenkette. (Foto: mediendenk)
Weihnachten im zweiten Seuchenjahr

Über allen Gipfeln ist Ruh

Die Welt ist laut geworden.

"Wir brauchen einen zweiten Planeten", verabschiedet sich ein Freund. Er meinte nicht wegen des drohenden Klimakollapses, nein, er möchte von Geimpften und Impfpredigern seine Ruhe haben. Die wiederum wünschten sich, die trotzigen, lauten Corona-Spaziergänger blieben Zuhause. Er gehört nicht dazu.

"Weihnachten bitte keine Besuche", ist zum zweiten Mal der Wunsch der Ältesten in der Familienrunde. Kein großer Weihnachtsbraten, kein geschmückter Christbaum. Ist das wirklich wichtig? Weniger Tradition ist nachhaltig und klimafreundlich, werden manche sagen. Ich füge hinzu, diese etwas anderen Weihnachten in der Seuche sind eine Chance: mehr Stille, mehr Zeit für sich selbst und nachdenken. Worauf kommt es an?

Meine These: Wandel ist der Weg aus der Krise. Der Ampel-Wahlspruch "Mehr Fortschritt wagen" bedeutet letztendlich Traditionen dort zu brechen, wo sie schaden. Spoiler: Weihnachtsdiktatur. Wir können nicht an einem Tag nachholen, was wir übers Jahr versäumt haben. "Warum treffen wir uns nicht am 24. Juli in einem Biergarten und beschenken uns dann?", habe ich vorgeschlagen. Und nachgesehen: Perfekt, es ist ein Sonntag. Geschenke kaufen ohne Gedöns und Gebimmel von Weihnachtswerbung. "Sich nicht diktieren lassen", das könnte bestimmten Zeitgenossen gefallen. Aber ich vermute, sie meinen etwas anderes.

Mein Reporterleben ist rastlos wie eh und je. Mit dem Unterschied zu früher vielleicht, dass ich Worte länger auf die Waagschale lege, bevor ich sie schreibe. Das ist nie verkehrt. Zur Ruhe kommen? In der Woche vor Weihnachten war in Deggendorf ein großer Mordprozess angesetzt. "Wie kann die Justiz nur auf diese Idee kommen?", habe ich mich gefragt - und gefreut, dass er ausgefallen ist. Der Angeklagte hat Corona, ein Ausbruch im Gefängnis. Doch ich freute mich zu früh, dass Nachrichtenstille einkehrte. Omikron und der Rottaler Impfskandal breiten sich aus. Letzterer beorderte 1.000 Menschen in die Niederbayernhalle zu unfreiwilligen Blutspende. Auf dem Weg dorthin, im Abendrot, habe ich in Höch von der Hauptstraße abbiegen und anhalten müssen, so fasziniert war ich von dieser Stimmung: Über der nachtgrauen Landschaft spannt sich der blaue Scherenschnitt der Alpenkette, der Watzmann spitzt heraus; darüber glimmt der Himmel, als wütete hinter dem Horizont eine Feuersbrunst. Ein herrlicher Moment. Die kalte, klare Winterluft spüren, Stille, der ungetrübte Fernblick. Mehr braucht Weihnachten nicht. Und Zuhause bin ich auf ein passendes Schubertlied gestoßen, denn alle weihnachtlichen sind mir gerade zu kitschig. 

"Über allen Gipfeln ist Ruh" hat Goethe 1780 an die Holzwand einer Jagdhütte bei Ilmenau, Thüringen, geschrieben. Man wünschte es sich auch in den Tälern.

Wandrers Nachtlied

Über allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.


Vorsatz für 2022: Lasst uns aufbrechen zu neuen Gipfeln. Das Wagnis wird anstrengend werden, ohne Zweifel. Aber oben angelangt wird der Blick uns entschädigen.

Hubert Jakob Denk

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Schwerdtfeger studierte Kunstgeschichte und arbeitete beim Städel Museum in Frankfurt. Seit acht Jahren steht er auf der Bühne und nutzt das Kunstwissen für seine Programme. 


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