Nachrichten | Dienstag, 05. Dezember 23

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Hape Kerkeling mit dem Beilgewinner Daniel Stockenreitner, der Zweiplatzierten Lara Ermer und Mini-Beilgewinner David Knopper. (Foto: mediendenk)
Große Kleinkunst

40. Scharfrichterbeil mit Hape Kerkeling: Eigenhumor aus Wien gewinnt

„Witzischkeit keine Grenzen“, heißt einer der Hits von Hape Kerkeling.

Die Passauer Obrigkeit sah diese Grenzen überschritten, als Passauer Kabarettisten im Scharfrichterhaus dem Klüngel aus Kirche, CSU und PNP einen boshaften Spiegel vorhielten. Der Chefredakteur der einzigen Tageszeitung ignorierte ab dem 5. Oktober 1979 sämtliche Aktivitäten der Kleinkunstbühne.

Vier Jahre später wurde mithilfe der Münchner Medien der Kabarettpreis „Scharfrichterbeil“ aus der Taufe gehoben. Er verschaffte der linken Provinzbühne überregionale Aufmerksamkeit und Bekanntheit. Für die Weltoffenen war die Scharfrichterhausbühne, 5.000 Zuschauer im Jahr, willkommenes Frischluftventil. Ein 18-jähriger frecher Blondschopf aus Nordrhein-Westfalen hat sich 1983 das erste Beil geholt: Hape Kerkeling. Er tritt zur Jubiläumsveranstaltung „40 Jahre Scharfrichterbeil“ der Jury bei. Sein Besuch in der Kirchenstadt passt zu seinem Namen. "Kerkeling" geht zurück auf seinen holländischen Großvater und bedeutet übersetzt "nahe der Kirche".

Österreich stark vertreten
Das weibliche Geschlecht ist unterrepräsentiert, die Österreicher haben die Oberhand und Mathias ist doppelt besetzt. So lässt sich der Wettbewerb an diesem Abend beschreiben. Die sechs Kandidaten, fünf Männer und eine Frau, kommen aus Fürth, München, Linz, Graz, Villach und Wien. Der Jüngste ist 33 Jahre alt, die Ältesten sind 39. Sie heißen Lara Ermer, Mathias Albus, Romeo Kaltenbrunner, Daniel Knopper, David Stockenreitner und Mathias Hofbauer.

Beilgewinner David Stockenreitner: Acht Kabetettpreise seit 2016

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Hannes Ringlstetter übergibt David Stockenreitner das große Beil. (Foto: mediendenk)
Witzigkeit kennt keine Grenzen. Der 33-jährige David Stockenreitner beweist das auf seine Art. Als Meister des Eigenhumors gewinnt er das Scharfrichterbeil der Jubiläumsveranstaltung. Jury und Publikum waren sich einig. Der gebürtige Villacher, rechter Arm und linkes Bein von Geburt an lahm, versenkt sein Handikap im schwarzen Humor. Hinter seinen lustigen Geschichten über die Behindertenquote am Arbeitsmarkt oder dem Bewerbungsgespräch für ein Callcenter blitzt hervor, wie unbeholfen und ungerecht die Gesellschaft mit der Minderheit seinesgleichen umgeht. “Jetzt hab ich eine Waffe, die ich auch als Spazierstock verwenden kann”, amüsiert er sich. Er geht als erster Beilgewinner mit Behinderung in die Chronik des Scharfrichterhauses ein. In seiner Biografie reihen sich jetzt seit 2016 acht Kabarettpreise.

Im Provinznest der 1980er

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Die elf Jurymitglieder ziehen sich zur Beratung zurück. Bruno Jonas kam als zwölftes hinzu.
„Unseren Bischof lassen wir uns nicht anpinkeln“, hat das Münchner Boulevardblatt tz 1980 einen Bericht zur Stimmungslage während des Scharfrichterhausboykotts in der Dreiflüssestadt überschrieben. Der Artikel hängt heute als Geschichtsdokument im Gewölbe. Passau ist 1972 die letzte Stadt Europas, die das Bikiniverbot aufhebt. Die Gebrüder Janik, zwei glühende Marienverehrer, Erwin bei der PNP und Emil beim Bistumsblatt, bestimmten damals die öffentliche Meinung. Der Zugriff der Gesellschaft auf das Internet kam erst fünfzehn Jahre später.

Live-Übertragung ins Kino
Der Wettbewerb ist wegen des großen Andrangs live ins Scharfrichterkino übertragen worden. Dort saß auch Überraschungsgast Bruno Jonas, der sich später zur Jury gesellte. Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg") feiert drei Tage nach dem Passau-Besuch seinen 59. Geburtstag. Den Abend moderierte Kabarettist Hannes Ringlstetter ("Hubert ohne Staller").

Wie versteht sich gutes Kabarett?  "Man muss merken, warum jemand auf der Bühne steht, vielleicht im alten Sinne der Narren, dem Publikum einen Spiegel vorhalten und trotzdem unterhaltsam sein. Das ist jedenfalls unsere Idealvorstellung", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Walter Landshuter. Der Mitbegründer des Scharfrichterhaus kellnert bis heute im Lokal. "Ich fungiere hier als Geschäftsführer und lebendes Denkmal", hat er mal gesagt. Er eröffnet den Wettbewerb. Seine Idealvorstellung wird vom Nachwuchs der Komiker- und Kabarettszene selten erfüllt. Die satirische Gesellschaftskritik ist abgelöst worden von der humorvollen Beschäftigung mit der eigenen Person und deren Probleme.

ARD dreht für Kerkeling-Doku in Passau

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Hape Kerkeling und Hannes Ringlstetter am Jurytisch. (Foto: mediendenk)
Hape Kerkeling verfolgt den Wettbewerb in der ersten Reihe und muss manchmal die Brille abnehmen, um sich die Wangen abzuwischen. Tränen vom Lachen. Mit seiner Strahlkraft hat der Künstler dem Scharfrichterbeil die mediale Aufmerksamkeit zurückgegeben, die in den letzten Jahren auch wegen mancher Absagen durch die Pandemie zu schwinden schien. Ein ARD-Team aus Köln ist angereist und hat Hape Kerkeling in Passau begleitet. Der Künstler war bereits am Tag zuvor in der Stadt. Er stieg im Hotel Residenz ab und erkundete die Altstadt. “Ich habe mir den Dom und den Weihnachtsmarkt angesehen”, erzählt er von seinen Spaziergängen. Das Filmmaterial wird im nächsten Jahr verwendet für eine Dokumentation zum 60. von Hape Kerkeling.

Lara Ermer aus dem Frankenland  lässt das Publikum an einem Besuch bei der Gynäkologin teilnehmen. Es gelingt ihr die intimen Einblicke mit einer politischen Pointe zu verbinden. Sie geht mit dem mittleren Beil nach Hause. Das kleine Beil geht an den Münchner Daniel Knopper aus Graz, der am Radioknopf dreht und eine vielseitige Kabarettshow abliefert.

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Nächster Halt Mobilitätswende: Wie bleibt niemand auf der Strecke?
 

Lastenräder und „Sharing“- Angebote sind in Stadtzentren Alternativen zum Auto. In ländlicheren Regionen ist man großteils auf ein eigenes Auto angewiesen. Was muss passieren, damit das Stadt-Land Gefälle im Verkehrssektor ausgeglichen werden kann? Ort: Audimax HS9


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Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg
 

Tannhäuser steht zwischen zwei Welten: der sinnlichen Liebe der Venus und der reinen Liebe Elisabeths. Auf der Wartburg prallen diese Gegensätze zusammen. Tannhäuser preist die sinnliche Liebe, stößt damit aber an Grenzen. Den mittelalterlichen Stoff sah Richard Wagner durch die Brille der Romantik.  


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Schaurige Satire zu Russland
 

"Meister und Margarita" vom Satire-Autor Michail Bulgakow (geboren 1891 in Kiew, verstorben 1940 in Moskau) bringt der zweite Jahrgang der Schauspielschule Athanor auf die Bühne. Die Welt nach der russischen Revolution zwischen Hoffung und Apokalypse. Bühnenfassung: Malte Kreutzfeldt. Regie: Florin Vidamski. Ort: Theatersaal, Schulbergstraße 30.


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Sigi Zimmerschied
 
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Sein Vater und Großvater waren noch große Fälscher, Spross Hans Doppler hingegen bekommt keine Aufträge mehr. Kann er die Familientradition aufrecht erhalten, oder wird er in den Staatsdienst eintreten? Im Kabarett von Sigi Zimmerschied finden Sie darauf Antwort.


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Sebastian Baumgartner, Schlagzeuger und Komponist, ein Passauer in Wien, ist mit seinem Trio zu Gast. 


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