Google-Anzeigen

Nachrichten | Samstag, 02. Mai 20

bild_klein_0000016673.jpg
Der Veranstalter der Demo gegen "Corona-Diktatur" plärrt mit zunehmend heiserer Stimme ins Megafon. (Foto: mediendenk)
Demo in Seuchenzeiten

"Nehmt die Masken ab!"

Wer schreit, hat keine Argumente? Stephan Folkinger schreit - mit kurzen Erholungspausen - jeden seiner Sätze ins Megafon. Manchmal überschlägt sich seine Stimme. Heiser scheint er schon vorher gewesen sein. Er schreit: "Nehmt die Masken ab! Ihr braucht sie nicht!" Sie lachen. Er schreit: "Wir wollen unsere Maidult und die Biergärten wiederhaben!" Sie klatschen.

70 Bürgerinnen und Bürger, mehr oder minder mit Abstand, manche mit und manche ohne Masken, sind dem Aufruf zum "Spaziergang gegen Corona-Diktatur" in Passau gefolgt. Eine Handvoll Polizeibeamter beobachtet den schreienden Megafonmann und seine Zuhörer aus zwanzig Metern Entfernung; sie stehen neben einem Mannschaftswagen. Der Anführer der Corona-Demo hat seinen kleinen Sohn mitgebracht, der ein Schild hochhält: "Ich will wieder Fußball spielen!" 

bild_klein_0000016682.jpg
Ein Postbote mit Maske schiebt seinen Wägelchen über den Ludwigsplatz. Die Straße Richtung Busbahnhof ist durch weit über 50 Demoteilnehmer blockiert. (Foto: mediendenk)
Der Veranstaltungsort am unteren Ende der Dr.-Hans-Kapfinger ist unglücklich gewählt. Das mit dem Mindestabstand klappt selbst für Nichtbeteiligte nicht. Denn die Kundgebungsteilnehmer blockieren den Hauptverkehrsweg zwischen Ludwigsplatz und Busbahnhof. "Entschuldigung bitte!", müssen sich manche durchdrängen. Als die Teilnehmerzahl die 50 überschreitet, schreitet niemand ein. „Ich kann nicht verhindern, dass Passanten stehen bleiben“, sagt Polizeieinsatzleiterin Wohlstreiter. Klar, die erste erlaubte Demo seit Beginn der Pandemie zieht Neugierige an; vor allem dieser unüberhörbare Schreihals.

bild_klein_0000016681.jpg
Corona-Demo in Passau: Eine Frau mit Filzhut in Pink demonstriert für ihre Freiheit. (Foto: mediendenk)
Ein "Spaziergang" ist es nicht geworden. Denn das Seuchengesetz erlaubt nur Kundgebungen im Stillstand, keine Märsche. Bewegung würde Kontakte fördern und die Ansteckungsgefahr erhöhen. Der einzige, der sich bewegt, ist F. selbst. Wenn er seine Wut hinausplärrt, geht er auf dem Pflaster auf und ab wie ein Löwe im Käfig. Die Gitterstäbe sind vor ihm die Zuhörer in der ersten Reihe und hinter ihm die Biergartenmauer. Am Mittwoch müsse Schluss mit dem Einsperren sein, warnt er die Regierenden. Ein bisschen Merkel-Beleidigung darf nicht fehlen, Spott über ihre übertriebene Nähe zur Wissenschaft. Die ginge doch am liebsten mit diesem Virologen Drosten ins Bett, sagt Folkinger.

Der distanzierte Zuschauer weiß manchmal nicht, ob er weinen oder lachen soll.

bild_klein_0000016684.jpg
Kämpfer gegen die Regierenden mit Plakat und Megafon: Steohan F. aus dem Bayerwald. (Foto: mediendenk)
Eine halbe Stunde vor der Demo hat der Reporter Demo-Leiter Folkinger, einen Handyvertragshändler aus Thurmannsbang, angerufen und nach diesen nach seinen Beweggründen gefragt.  „Wir lassen uns nicht mehr einsperren! Der Mittelstand ist komplett ausgelöscht!“, haut er zwei Argumente als Antwort raus. Bevor der Journalist konkreter nachfragen kann, kommt das nächste: "Mein Sohn hat seit sechs Wochen keinen Fußballplatz mehr gesehen!“ Der Breitensport sei am Ende. Ein Irrsinn, denn es gebe keine Gefahr. Hat er von der Todesserie in den Altenheimen gehört? „Die wären nach zwei Tagen so oder so gestorben.“ Letzter Versuch: „Wissen Sie eigentlich, dass wir im Gegensatz zu Paris, Madrid, Kapstadt oder Buenos Aires hier in der Pandemie viel mehr Freiheiten haben?“ "Wenn Sie darüber reden wollen, dass in Deutschland alles besser ist, dann beenden wir das Gespräch“, sagt er. Wünscht einen „wunderschönen Tag noch!" und legt auf.

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

06:54
Montag
10. August 2020
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
10.08. | Montag
Keine Einträge

Google-Anzeigen