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Nachrichten | Montag, 03. Mai 21

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Feuerwehr mit Drehleiterfahrzeug und drei Streifenwagenbesatzungen sind am besetzten Baum eingetroffen.
Zehn Stunden Großeinsatz

Passau: SEK und Feuerwehr holen Klimaretter vom Baum

„Wie war´s da oben?“, fragt der ermittelnde Beamte den jungen Klimaretter, der auf den Boden zurückgekehrt ist. Personalienfeststellung. Der Ton bleibt freundlich. Um 18 Uhr hatten es drei SEK-Männer geschafft, sich zum provisorischen Baumhaus der Aktivisten, zwei Männer und eine Frau, abzuseilen. Die Klimaretter im Klettergurt lassen sich an den Haken nehmen, werden in die Tiefe gelassen. Der Applaus der Menge gilt nicht den Einsatzkräften, sondern ihren Heldinnen und Helden.

Um 16 Uhr sind ein gutes Dutzend SEK-Männer aus München eingetroffen. Sie besprechen die Lage mit dem örtlichen Einsatzleiter – und dann mit den Verantwortlichen der Feuerwehr. Mit welcher Taktik werden sie die Klimaretter von der Esche holen?

Klicken Sie sich durch die 30 Bilder der Fotogalerie (Fotos: mediendenk)

Die Aktivisten, die sich selbst als solche bezeichnen, haben sich mittlerweile in der Baumkrone eine vier Quadratmeter große Plattform gezimmert. Sie sind zu dritt, nachdem sich eine Baumbesetzerin zurückgezogen hat. Die Menge der Solidarischen auf der Straße skandiert mit dem Trio „Wir bleiben bis zuletzt!“ Passauer Bürgerinnen von der Initiative „Lebenswerte Innstadt“ gesellen sich mit einem Plakat dazu: „Verkehrswende jetzt!“  

Verstärkung wird angefordert. Die Grubweger Feuerwehr rollt zusätzlich ihre Drehleiter auf die Innpromenade. Das dritte Passauer Fahrzeug mit Drehleiter, die Innstädter Feuerwehr, wird auf der Innstraße postiert. Von diesem zentralen Standort aus kann es schneller alle Stadtteile erreichen, falls es während dieses Einsatzes irgendwo Brandalarm geben sollte. 

17 Uhr. Der Zugriff wird vorbereitet. Die Feuerwehrleute an der Innpromenade sollen ihre Fahrkörbe von den Drehleitern abmontieren, damit die ausfahrbaren Leitern als Kräne dienen können. An deren Spitze haken sich jeweils zwei SEK-Leute mit Karabiner ein, lassen sich vom Drehleiterführer in die Baumkrone hieven. Hunderte Augen sind nach oben gerichtet bei dieser reifen Zirkusnummer. Die alte Esche nimmt jetzt mehr Schaden als durch die Baumbesetzer. Zweige brechen, Äste knacken. Einer der vier vermummten Tarnanzugträger hat sich verhängt.

„Ich bin froh, dass es für meine Männer heil ausgegangen ist, da sind Familienväter darunter“, sagt eine Stunde später Polizei-Einsatzleiter Christian Dichtl am Ende des Einsatztages, der für ihn um 7.40 Uhr begann.

Was wäre gewesen, wenn man die Baumbesetzer hätte gewähren lassen? Sie wissen offensichtlich, was sie tun und haben sich nicht selbst gefährdet. War Gefahr im Verzug? Der Einsatz von Polizei, Feuerwehr und SEK schenkte ihnen letztendlich noch mehr Aufmerksamkeit.

Feuerwehrleute sind Retter in der Not. Sie löschen Brände, bergen Verletzte, stapeln Sandsäcke und holen Katzen von den Bäumen. Heute hat die Passauer Feuerwehr erstmals Menschen von einem Baum geholt, die keiner Rettung bedurften, sondern das Klima retten wollen. Verrückte Welt.

Was davor geschah:

Junge Klimaschützer haben im Morgengrauen mitten in Passau eine alte Esche besetzt. Sie wollen sich dort einrichten, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Die Politik in Passau gehe zu wenig ambitioniert voran. Gerüchte im Netz: Das Baumhauscamp soll um 16 Uhr angeblich vom SEK geräumt werden. Andererseits schwer denkbar, denn die Stadt hat eine Solidaritätsdemo für die Baumbesetzer bis 21 Uhr genehmigt. Es liegt wohl kaum im Interesse der Polizei, währenddessen eine Eskalation herbeizuführen. Es laufen "intensive Verhandlungen".

Der Zugang zum Schauplatz an der Innpromenade, eine beliebte Flaniermeile der Passauer, ist "aus Sicherheitsgründen“ weiträumig abgesperrt worden. Feuerwehrleute mit Drehleiterfahrzeug und Polizeikräfte waren früh am Morgen im Einsatz. Später reiste Grünen-Landtagspolitiker an als „parlamentarischer Beobachter“.

Die jungen Klimaschützern haben durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes Aufwind erhalten: Die Ziele des Pariser Klimaabkommend müssen konsequenter umgesetzt werden, dürfen nicht zulasten kommender Generation weiter in die Zukunft verschoben werden.    

Die Forderungen der Baumbesetzer sind plakativ auf einem Transparent formuliert: „Klimaschutz sofort!, „Nordtangente verhindern!“, „Mobilitätswende für eine lebenswerte Stadt“, Wald statt Asphalt!“, Klimagerechtigkeit!“

Konkret, so erklären die Baumbesetzer auf Rückfrage, seien Klimaziele in Stadt und Landkreis gemeint, das Klimaschutzkonzept der Stadt Passau sei eine Farce. Es fehle am Willen zur schnellen Umsetzung. Verkehrsminister Andreas Scheuer, Stadtrat in Passau, solle beispielsweise sein Vorhaben stoppen, das Ilztal mit einer Stadtumfahrung („Nordtangente“) zu überspannen. Die Dreiflüssestadt, namentlich ihr SPD-Oberbürgermeister Jürgen Dupper, soll die Verkehrswende einleiten, den Autoverkehr in der Innenstadt zurückdrängen. Die Planungen für einen Hochwasserschutz an der Innpromenade sollen gestoppt werden, dem an dieser geschützten Allee Bäume zum Opfer fallen würden.

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Diese Spontandemo ist kurz darauf von der Stadt verboten worden. Die Plakate hätten nicht nach einer spontanen Aktion ausgesehen, hieß es. Es gab eine Verwechslung mit den Transparenten am Baum.
Anfangs hatte die Polizei gedroht, die Demonstranten vom Baum gewaltsam zu entfernen. Es kam zu einer spontanen Solidaritätskundgebung von zwei Dutzend jungen Leuten, welche die Stadt Passau kurz darauf verboten hat. Die Teilnehmenden musste eilig beschriebenen Pappkartons niederlegen.

Die Feuerwehr hatte Polizeibeamte für Verhandlungen mit den Klimaschützern mit einer Drehleier in fünf Metern Höhe hochgefahren. Mündlich übermittelten die Baumbesetzer ihre Personalien. Kim, 27, ein Halser Bürger, Miriam, 23, die als Sprecherin fungiert.

Mittlerweile, mittags, hat sich die Lage entspannt. Die Baumbesetzer wollen sich für eine längere Zeit, zwei Wochen, einrichten. Auf die Straße gehen genüge nicht mehr, da bekomme man zu wenig Aufmerksamkeit, sagt die 23-jährige Miriam.  

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Die von Klimaschützern besetzte Esche, im Hintergrund der Fünferlsteg über dem Inn.
Ein Einsatzleiter der Polizei, schwarze Uniform, der mit ein Dutzend Männer und Frauen angerückt ist, sagte an Toni Schuberl gerichtet: „Mia samma in Passau, des sand brave Leid.“ Man werde jetzt „nicht groß agieren“, es sei nicht daran gedacht, gegen die illegal Demonstrierenden vorzugehen.

Kritiker der Aktion, darunter Stadtbrandrat Andreas Dittlmann, ein FDP-Stadtrat, sagte gegenüber diesem Magazin, die Klimaschützer hätten sich wohl den „falschen Baum“ ausgesucht: Sie störten in der alten Esche die Vögel in den Brutkästen und würden junge Triebe zerstören. „Wir gehen mit dem Baum sehr behutsam um. Der nimmt keinen Schaden“, lautete später ein Widerspruch aus der Baumkrone. Aus dem Rathaus kam wohl im Sinne des Oberbürgermeisters ähnlicher Spott: Es keine gute Idee, ein Naturdenkmal zu besetzen, dieses zu schädigen, um für Naturschutz zu demonstrieren.

Andererseits: „Auf dem Transparent stehen vier Forderungen, die ich sofort unterschrieben könnte“, sagte Andreas Dittlmann. Hinter den Baumbesetzern steht ein breites Bündnis, vom Verkehrsclub Deutschland bis hin zu Bürgerinitiativen in den Stadtteilen.

Grünen Politiker Toni Schuberl ist als parlamentarischer Beobachter angereist und vor Ort. Seiner Rechtsauffassung nach hätte die angemeldete Spontandemo nicht verboten werden dürfen. Die Stadt hatte argumentiert, vorgefertigte Plakate seien für eine „Spontandemo“ nicht glaubhaft. Es sind wohl die Transparente am Baum mit den Pappkartons der kleinen Solidargemeinschaft verwechselt worden. Die Demo am Baum, so Schuberl, sei als Ordnungswidrigkeit zu behandeln, weil sie nicht rechtmäßig angemeldet worden ist. Strafrechtliche Verstöße sehe er nicht. Eigentümer des Baumes und des Geländes ist die Stadt Passau.

Die Polizei bestätigt, dass sich SEK-Kräfte vorsorglich auf den Weg gemacht hätten.

In der ursprünglichen Version hatten wir den besetzten Baum "Kastanie" genannt, es handelt sich um eine Esche.

 

 

(Kamera: Tobias Köhler, Ton: Maximilian Huber)

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23:16
Dienstag
15. Juni 2021
 
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KULTURKALENDAR
15.06. | Dienstag
OPERNHAUS
Die Zofen
 
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Die Schwestern und Zofen Claire (Friederike Baldin) und Solange (Ella Schulz) spielen in der Abwesenheit ihrer Arbeitgeberin (Antonia Reidel) "Herrin und Dienerin". Nachdem der versuchte Mord der "gnädigen Frau" daneben geht, vergiftet die eine den Tee der anderen. Ein Schauspiel von Jean Genet (1910-1986). Regie: Markus Bartl.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
OPERNHAUS
Urfaust
 
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Johann Wolfgang von Goethes Prosastück aus dem Jahr 1775. Eine Tragödie nach der Volkssage um Doktor Faustus. In den Hauptrollen: Ursula Erb als Mephisto sowie Julian Ricker als Faust. Regie: Peter Oberdorf.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
OPERNHAUS
Die Zauberflöte
 
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Die wohl bekannteste Oper von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahre 1791. Sie erzählt nach einer Geschichte des Straubingers Emanuel Schikaneder vom Prinzen Tamino, der sich in phantastischen Welten beweisen muss. Musikalisch verschmelzen hochdramatische Arien und volksliedhafte Gesänge.


12:00 Uhr | ab 6 Euro
OPERNHAUS
Madama Butterfly
 
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Giacomo Puccinins weltberühmte Oper weltberühmte Oper erzählt die tragische Liebesgeschichte der Geisha Cio-Cio-San (Yitian Luan), die vom in Japan stationierten Offizier Pinkerton (Jeffrey Nardone) mit einem Kind sitzengelassen wird. Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
OPERNHAUS
Die Fledermaus
 
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Verwechslungskomödie von Johann Strauß (1825–1899) um den leichtlebigen Gabriel von Eisenstein (Peter Tilch) und seine untreue Frau Rosalinde (Henrike Henoch). Gilt als Klassiker der Wiener Operettenära und zeigt eine dekadente Gesellschaft. Intendant Stefan Tilch verlegt das Stück ins Pandemiejahr 2020.


12:00 Uhr | Eintritt frei

Sissi Perlinger: Worum es wirklich geht
 

Tiefgründig, philosophisch, aber urkomisch. Sissi Perlinger beschäftigt sich mit dem Sinn des Lebens und teilt ihre großen Weisheiten mit dem Publikum. Dabei gelingt es der Schauspielerin ernste Themen in amüsantes Kabarett einzukleiden. 


12:26 Uhr | Ab 27,40€
OPERNHAUS
Herkules am Thermodon
 
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Deutsche Erstaufführung der bekannten Barockoper Antonio Vivaldis aus dem Jahr 1723. Herkules soll für König Eurystheus den Gürtel der Amazonenkönigin beschaffen, der ein kriegerisches Attribut wie Symbol für den Beischlaf ist.


12:30 Uhr | Eintritt frei

Passauer Politiktage: Wie tief sind die Gräben?
 

Offene Podiumsdiskussion zum Stand der Gesellschaft und zur Frage, wie gespalten diese wirklich ist. Live-Veranstaltung via Zoom, Details auf der Website des Veranstalters.


20:00 Uhr | Eintritt frei

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