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Printmagazin | Freitag, 01. Oktober 21

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Bergfried: 100 Meter über der Donau liegt die leerstehende Anlage bestehend aus Kirche, Wohntrakt und Stallungen. (Foto: Tobias C. Köhler)
Der letzte Mönch erzählt

Kloster Bergfried im Dornröschenschlaf

Einer der reichsten Männer Deutschlands hat uns nach seinem Tod dieses bauliche Erbe hinterlassen: Klösterchen Bergfried, ein spiritueller Ort hoch über der Dreiflüssestadt. Seit 15 Jahren liegt es verlassen. Natur ergreift Besitz, weil der Eigentümer seinen vergessen hat. Wir sprachen mit dem letzten Benediktinermönch, der hier wirkte.

Der Besuch beim Benediktinerbruder Georg im Kloster Schweiklberg bei Vilshofen beginnt zufällig mit einer Szene, die bedeutsam ist für die Geschichte des Klösterchens Bergfried und seinem Ende. Zwei Männer belagern an diesem kaltgrauen Donnerstagvormittag im März die Pforte. Draußen bläst ein kalter Ostwind, Schauer von Schneegraupeln. Sie reden auf den allein anwesenden Mönch ein und werden zunehmend rauer im Ton. Gästehaus und Küche seien geschlossen, erklärt der Mann mit der schwarzen Kutte. Bruder Georg, seine große, schlanke Statur vom Alter kaum gebeugt, das graue Haupthaar gescheitelt, bleibt freundlich, zu freundlich vielleicht.

Der heute 81-jährige Mönch hatte mit zwei Padres bis zuletzt den Bergfried bewirtschaftet. Sie wussten damals, im Jahr 2009, schon länger, dass ihr Aufenthalt dort nicht mehr von langer Dauer sein würde. Der Schweiklberger Abt hatte beschlossen, diese Zweigstelle aufzugeben. Das Loslassen fiel nicht nur den drei Mönchen, auch den Pilgerinnen und Pilgern schwer, die teilweise von weit her zu den Messfeiern kamen. „Hier habe ich einen Gottesdienst gefunden, bei dem ich wirklich etwas in den Alltag mitnehmen kann“, schrieb damals ein Mann aus Hauzenberg dieser Redaktion.

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Benediktinerbruder Georg, 81, bewirtschaftete den Bergfried bis zum Auszug im November 2009. Heute betreut er die Pforte der Abtei Schweiklberg in Vilshofen. (Foto: Tobias C. Köhler)

„Der Platz dort ist einmalig“, bestätigt Bruder Georg. Die Lage sei wunderbar und so nah an der Stadt. Es gibt einen direkten Weg mit Treppen hinunter zur Donau. Er kennt den Bergfried wie seine Westentasche: Er diente in der Kirche als Meßner, kümmert sich um Haus, Hof und Garten - und half zum Schluss den Möbelpackern. Der Ort besitzt eine spirituelle Kraft, der jeder Spaziergänger, der die Anlage durchschreitet, noch heute nachspüren kann.

„Alle, die Interesse hatten, durften wegen des Denkmalschutzes nicht das umsetzen, was sie wollten. Zugleich ist es Naturschutzgebiet.“

Die Recherche nach dem Verbleib der letzten Mönche vom Bergfried hatte keine Minute gedauert. Beim ersten Anruf im ehemaligen Mutterhaus, im Kloster Schweiklberg, ist einer der Gesuchten gleich selbst am Apparat. Bruder Georg betreut vormittags Pforte und Telefonzentrale. Wir treffen uns anderntags an seinem Arbeitsplatz.

Die beiden Aufsässigen an der Pforte, gut genährt und warm gekleidet, das bekommen die Beobachter mit, suchen weder Speise noch Quartier. Sie wollen Bares. „Eine Spende für ihre Tiere und Kinder“, wie Bruder Georg später erklären wird. Sie hätten sich als Zirkusleute ausgegeben. Kleine Geldscheine wandern schließlich über die Empfangstheke. Undankbar, ja offenbar schlecht gelaunt wegen des kleinen Betrags, ziehen die Bettelnden davon, eilen den Parkplatz hinunter zu ihrem Wagen, den sie wohl bewusst außer Sichtweite geparkt haben: ein neuwertiger weißer Kastenwagen der Marke „Mercedes Vito“, Straubinger Kennzeichen. „Sollen wir die Polizei rufen?“ Der Mönch winkt ab. „Eine Frechheit ist das!“, schimpft eine Reinigungsfrau, die wie die Reporter die Szene erlebt hat. Das waren keine armen Zirkusleute, das sind professionelle Abzocker.

In den Klöstern, so weiß der Autor von seinen früheren Einkehrtagen in der Karwoche zu Ostern, werden die christlichen Werte besonders hochgehalten. Gastfreundschaft und Seelsorge, Freigiebigkeit und Frömmigkeit - und leider auch das: Gutgläubigkeit. Beim Niedergang des Klösterchens Bergfried wird dies auch eine kleine Rolle spielen.

„Ich war drei Jahre dort. Ein Bruder ist gestorben und dann haben sie jemanden gebraucht“, erzählt Bruder Georg. Die Wahl sei auf ihn gefallen. „2006 haben wir noch durchgearbeitet und geerntet“, erinnert er sich. Sie haben die Obstbäume zugeschnitten, verschiedene Sorten wie Boskoop und Golden Delicious. Einen weiteren Herbst zum Äpfel pflücken, sollte es für sie nicht mehr geben. Der Garten blieb seitdem sich selbst überlassen. „Mit dem Ende war es für mich dort auch zu Ende“, sagt er. Der Mönch kehrte zurück nach Schweiklberg.

Für den Bergfried mit seinem fünf Hektar großen Gelände gab es danach mehrere Interessenten. Da war ein Architekt, der familiäre Erinnerungen mit diesem Ort teilte. Aber aus seinem Plan, sich hier mit Büro- und Wohnhaus einzurichten, wurde nichts. Nach ihm zogen sich weitere potenzielle Investoren zurück. „Alle, die Interesse hatten, durften wegen des Denkmalschutzes nicht das umsetzen, was sie wollten“, weiß Bruder Georg. Zugleich sei es Naturschutzgebiet. „Sie hätten nur die alten Gebäude renovieren dürfen, aber nichts Neues bauen.“ Die Stadt hatte das Areal zunächst als „Sondergebiet Kloster“, danach als Wohnbaugebiet ausgewiesen.

Warum haben die Benediktiner den Bergfried nicht selbst weiter genutzt? Bruder Georg sagt, das Problem sei gewesen, dass alles veraltet war. Es hätte unbedingt renoviert werden müssen, wenn es weitergegangen wäre. „Aber das war zu kostspielig.“ Es habe Pläne und Angebote gegeben, aber die gingen in die Millionen. „Und am Personal hat es natürlich auch gefehlt.“ Heute mangelt es daran selbst im Haupthaus. Im Kloster Schweiklberg leben derzeit 21 Mönche, die, bis auf einen Jungen, der in Regensburg studiert, alle in hohem Alter sind. Genau genommen ist Schweiklberg keine Abtei mehr, denn im Juli 2017 hat der letzte Abt Rhabanus Petri abgedankt. „Um einen neuen Abt zu wählen, bräuchte es neue, junge Mitbrüder“, erklärt Bruder Georg. In ihrer Blütezeit zählte die Abtei Schweiklberg mit ihren Missionen mehr als 150 Mönche.

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Die Klostergemeinschaft besteht 1937 aus Pater Willibald, grauer Bart, und zehn Brüdern. (Foto: Stadtarchiv Passau)

Bruder Georg holt aus seiner Zelle eine Chronik vom Bergfried. Er blättert Seiten mit alten Ansichten auf. „Ich war dort schon seit zwei, drei Jahren nicht mehr“, sagt er. „Es liegt im Dornröschenschlaf, rundum wächst alles zu.“ Ortsbesichtigung. Es wuchert tatsächlich dorniges Gebüsch im Schatten der Kirche, Feuerdorn und Hundsrose. Junge Eschen und Baumahorn treiben im Innenhof ans Licht. Auf dem Gästehaus wachsen Zweiglein aus einem Kamin. Im Wald hinter dem alten Obstgarten hämmert ein Specht. Ein Vogelparadies. Wenn das Gezwitscher verstummt, völlige Stille.

Eine knorrige Linde begrüßt an der Zufahrt vom Norden her den Eintretenden. Die Ziegeldächer der Gebäude, so der laienhafte Blick, sind tadellos. Aufgebrochene Schlösser und kaputte Fensterscheiben zeugen vom Werk unerwünschter Eindringlinge. Wohl deshalb weisen Warnschilder auf Videoüberwachung hin. Gelbe Kabel ragen in luftiger Höhe aus dem Mauerwerk, daran sind Kameras angeschlossen. Hinter dem Gartentor gen Osten laden zwei rote Bänke, im Vorjahr gestiftet, unter einem Kruzifix zum Verweilen ein.

Der Vorraum zur verschlossenen Kirche ist zum Gedenkzimmer an vergangene Zeiten geworden, ein Mini-Museum mit Bildern, Gedichten und Zeitungsausschnitten. Ein Gruppenfoto zeigt die Bergfriedmönche im Jahr 1937.

Das zuletzt an die hölzerne Wandverkleidung gepinnte laminierte Blatt ist noch keinen Monat alt und dem letzten Eigentümer gewidmet: Heinz Hermann Thiele, Ende Februar mit 80 Jahren verstorben. Sein Tod und Erbe beschäftigten die Wirtschaftsblätter. Thiele zählt mit seiner Familie zu den acht reichsten Deutschen, geschätztes Vermögen rund 17 Milliarden Euro. Der Mehrheitsaktionär hinterlässt Ehefrau Nadia und Tochter Julia „Knorr-Bremsen“, Bahntechnik „Vossloh“ und zehn Prozent Lufthansa-Anteile. Das Erbe, so verfügte er, werde in eine Familienstiftung eingebracht. Dazu gehört das Kloster Bergfried. Er hatte es 2014 als Meistbietender privat erworben.

Vor drei Jahren hatte diese Redaktion bei Nadia Thiele angefragt, was aus dem Bergfried werden soll. Es könnten derzeit keine konkreten Aussagen getroffen werden, war die Antwort. Heute heißt es: Die Erbinnen müssten sich erst sortieren. Wird der Bergfried je wieder wachgeküsst? Für manche sind Immobilien vielleicht wie zu viele Kleider im Schrank. Das Ungeliebte bleibt so lange hängen, bis es ausgemustert wird.

Wie die beiden Bettler mit dem Mercedes Vito ist an der Pforte von Schweiklberg einst ein junger Ferrari- Fahrer aufgetaucht. Ein Lebemann und Tüftler mit Wohnsitzen in Passau und Monaco. Er versprach Anlegern, die sich an seiner Erfindung, einer Walze, die fortwährend Strom erzeugt, einem Perpetuum mobile, beteiligen würden, hohe Gewinne. Viele Geschäftsleute haben Geld eingesetzt - und verloren. Die gutgläubigen Mönche von Schweiklberg traf es mit 500.000 Euro. „Es hat dem Bergfried vielleicht nicht direkt geschadet“, sagt Bruder Georg. Aber natürlich hätte man diese Summe für die Renovierung gut gebrauchen können.“ Dort sei alles noch der alte Standard gewesen, keine Zimmer mit Dusche und WC, sondern draußen am Gang. Wer weiß, die Geschichte vom Bergfried wäre vielleicht anders verlaufen.

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Verwaist: Langsam aber sicher, erobert sich die Natur Meter für Meter des einstigen Klostergeländes zurück. (Foto:Tobias C. Köhler)

500 JAHRE BERGFRIED

Ein Aushang im Vorraum der Kirche erzählt von der Historie des Bergfrieds. Das Anwesen wurde demnach im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Es gehörte dem Fürstbischof und diente seiner Residenz auf Oberhaus als Wirtschaftshof. Er wurde anfangs „Meierhof“, ab 1707 „Landrichterhof“ genannt. 1784 gab der Fürstbischof das Gut ab. Nach mehreren Besitzerwechseln eröffnete 1901 ein Ingenieur namens Müller dort unter dem Namen „Bergfried“ ein Stahlbad. So werden medizinische Anwendungen bezeichnet, die auf die heilende Wirkung von eisenhaltigem Wasser schwören. Der Betrieb wurde eingestellt, als der Erste Weltkrieg ausbrach.

1918 kaufte der Abt vom Kloster Schweiklberg, Coelestin Maier, das Anwesen und richtete dort für die Oberstufenschüler des humanistischen Gymnasiums ein Internat ein, um den Mönchsnachwuchs zu fördern. Das Gotteshaus, die Christkönigskirche, wurde erst im Jahre 1936 errichtet, ein Gemeinschaftswerk von Patres und Laien, wie es heißt. Es war die erste Kirchweih des damaligen Passauer Bischofs Simon Konrad Landersdorfer (1880-1971). Bereits im Jahr darauf ließen die Nationalsozialisten die kirchlichen Einrichtungen schließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg richteten die Benediktiner von Schweiklberg ein Studentenwohnheim, das bis 1999 betrieben wurde, ein. Bis zu seinem Ende 2006 war das Klösterchen Bergfried ein bei Gläubigen geschätzter Ort der Stille und des Gebets.

Erschienen im Bürgerblick Nr. 144 April 2021

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