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Printmagazin | Donnerstag, 30. September 21

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Grelle Verpackung, dunkler Inhalt Publizist Matthias Müller lässt sich Verschwörungskolummnen von seinen Werbekunden finanzieren. (Bild: Paparazzi)
Werbeblatt auf Abwegen

Schwurbler-Magazin

Ein kostenloses Werbemagazin hat es zum Leib- und Magenblatt der Anhänger von Verschwörungstheorien gebracht. Der Redaktionsleiter bedient krude Erzählungen, nennt die Seuchenpolitik der Regierung einen „Terroranschlag auf die Gesellschaft“.

Als „belangloses Werbeblatt“ in das Fadenkreuz des „großkalibrigen Journalismus“ zu gelangen, „ist ein besonderes Kompliment, geradezu ein Ritterschlag“, hat Matthias Müller auf eine Anfrage dieser Redaktion vor fünf Jahren geschrieben. Unbeantwortet ließ er die Frage, die gestellt war: „Mit welchen Fakten untermauert der Autor seinen Rundumschlag gegen Rechtsstaat, Integration und Flüchtlingspolitik?“

Fragwürdige, faktenfreie Rundumschläge zu setzen, dieser Handschrift ist der selbsternannte Redaktionsleiter der „Paparazzi“ bis heute treu geblieben. Am vorletzten Februarsonntag ist ihm aus seiner Sicht die Krone aufgesetzt worden: Der Bayerische Rundfunk hat sich in seinem sonntäglichen Medienmagazin mit dem kostenlosen Passauer Hochglanzmagazin befasst.

BR-Korrespondentin Katharina Häringer stellt sich nach ihrer Recherche die Frage, warum Müllers Texte nicht längst ein Fall für den Presserat geworden sind. Sie wertet seine Beiträge zur Pandemie aus und stößt unter anderem auf folgende Passage: „Es gibt keine ‚Pandemie‘ einer geheimnisvollen neuen Viruserkrankung. Sie existiert nicht. Es gibt einzig und allein eine Pandemie der ‚Tests‘, die ausschließlich dazu dient, einen nie dagewesenen Terroranschlag auf die Gesellschaft zu verüben.“

Beginnend in der „Paparazzi“-Ausgabe Mai 2020 hat Müller unter der Überschrift „Die Angststrategie“ die Pandemie zum Schwindel erklärt. „Zwischen der Werbung für ein Fitnessstudio und einer Geschichte über Designerbrillen“, wie Häringer schreibt. Im Vergleich zu einer normaler Grippewelle sei „Covid- 19 sogar ein äußerst schwacher Erreger“, konstatiert Müller in seiner Kolumne namens „Schwere Kost“. Die Abhandlung zählt 20 Seiten.

Beobachter der Corona-Rebellen- Demos auf dem Kleinen Exerzierplatz erinnern sich: Von da an wurde auf den Podien der sogenannten Querdenker und Corona-Verharmloser Müllers Magazin als die einzig wahre Lektüre im Lokaljournalismus empfohlen. „Paparazzi“ wird von den Anhängern der Bewegung unter den glaubwürdigen Quelle wie „Russia Today“ oder „KenFM“ gelistet. Hinter letztgenanntem Online-Sender steht der Publizist Ken Jebsen, der wegen seiner Falschinformationen zu Jahresbeginn auf Youtube gesperrt worden ist. Aktuell geht die Medienaufsicht gegen ihn vor.

Hintergrund: Nach dem neuen Medienstaatsvertrag, der seit November gilt, können redaktionell betriebene privatwirtschaftliche Online-Angebote von den Landesmedienanstalten reguliert werden. Dies greift, wenn Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht vorliegen oder sich der Verantwortliche keiner Selbstkontrolleinrichtung wie etwa dem Deutschen Presserat unterworfen hat. Wer auf Hinweisschreiben nicht reagiert, dem droht ein Verfahren.

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„Terroranschlag auf Gesellschaft“ Matthias Müller, „Paparazzi“-Chef (Bild: Paparazzi)

Doch wer reguliert gedruckte falsche Erzählungen wie „Paparazzi“? Müller bringt das Magazin mit seiner Frau Bettina im Eigenverlag heraus. Sie gründeten ihre Custommedia Verlagsgesellschaft 2008. Das Heft wird komplett finanziert durch Werbung. Der Kunde kann redaktionell anmutende Beiträge samt Titelcover erwerben. Transparente Kennzeichnungen wie „Werbung“ oder „Anzeige“ vermeiden die Herausgeber. Einzig im Impressum versteckt sich ein Hinweis auf ihr Geschäftsmodell. 20.000 Exemplare werden angeblich in der Region, auch im benachbarten Oberösterreich ausgelegt.

Von der Werbeflaute in der Coronakrise sind Gratisblätter besonders betroffen. Die Verlegerfamilie Diekmann hat wie berichtet „Passauer Wochenblatt“ und „Pressekurier“ eingestellt. Das Gastromagazin „Pasta“ verschiebt die erste Ausgabe des Jahres auf einen unbestimmten Zeitpunkt. „Andere haben Erscheinungen. Wir warten bis der Spuk vorbei ist“, schreiben die Herausgeber, Till Gabriel und Cornelius Martens auf Facebook. In der Pandemie bricht die Gastronomie, ein Großteil Auslegestellen weg. Und „Paparazzi“? Die Müllers haben gedruckt und suchen „Premium-Ausleger.“

Häringer entdeckt in der „Paparazzi“- Ausgabe vom Oktober 2020 weitere angreifbare Formulierungen. Müller nennt Quarantäne-Einrichtungen in Neuseeland „Konzentrationslager“. Und er bezeichnet diejenigen, die an der Pandemie verdienen, als „Hochfinanz“ - ein abwertender Begriff der Nationalsozialisten für jüdische Bankiers.

„Ist Ihnen auch schon mal die Idee gekommen, dass die Bevölkerung vielleicht sogar auf perfide Weise als Spielball von einigen Mächtigen missbraucht wird?“, fragt Müller. Er bedient wiederholt Verschwörungstheoretiker. Ist er selbst Teil der Bewegung?

Auf BR-Anfragen zur Ausrichtung seines Blatts reagiert er nicht. Was sollte er sagen? Seine Erzählungen sind Wasser auf die Mühlen der Passauer „Querdenker“- Bewegungen, zwei Vereine, die Frauenarzt Ronald Weikl und seine Tochter Julia gegründet haben: „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ und „Freiheit2020“. Und umgekehrt: Müllers Erzählungen wiederholen deren Geschwurbel von der Pandemielüge.

Es gibt thematische Querverbindungen innerhalb der Familie. In der Innstadt hat „Querdenker“-Chefanwalt Markus Haintz seine Niederlassung eröffnet. Die Kanzlei, die sich um alle Rechtsfragen der Bewegung kümmert, wird geleitet von Raphaela Dichtl, die in der Bewegung „Freiheit2020“ mitmarschiert. Sie tritt aktiv bei „Querdenker“- Kundgebungen und München und Passau auf. Es verwundert nicht: Der „Paparazzi“-Chef ist ihr Onkel.

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Kämpfen wie Bruce Lee Paparazzi-Schreiber Matthias Müller schaltet in seinem Blatt ganzseitige Eigenanzeigen, in denen er seine Pockinger Kampfsportschule bewirbt: Kämpfen wie der „legendäre Bruce Lee“. (Bild: Paparazzi)

„Meinungsmache zwischen Wohlfühl- Geschichten“, überschreibt der BR seine „Paparazzi“-Geschichte. Häringer will wissen, wie die Werbekunden auf Müllers Beiträge reagieren. „Doch bis auf wenige Ausnahmen scheint es die Anzeigenkunden nicht zu stören“, ist ihr Fazit. Und diejenigen, die abgesprungen sind, möchten namentlich nicht erwähnt werden. Corona-Leugner können angeblich lästig werden.

Auszug aus der BR-Recherche: „Eine Firma aus dem Bayerischen Wald störte sich im Sommer an den Inhalten und wollte ihre Anzeige zurückziehen. Als das wegen des Vertrags nicht ging, ließ sie diese Sätze drucken: „Hier sollte unsere Werbung stehen, aber: Leider ist uns die schwere Kost in der Paparazzi überhaupt nicht bekommen. Aus diesem Grund möchten wir nicht mehr durch eine Anzeigenschaltung mit diesem Medium in Verbindung gebracht werden.“

Der Bayerische Rundfunk erhält beim Deutschen Presserat dieselbe Auskunft wie einst diese Redaktion: Anzeigenblätter können bei ethischen Verstößen nicht gerügt werden. Deren Verleger haben sich der freiwilligen Selbstkontrolle durch diese Instanz nie unterworfen. Niemand kann sie zwingen. Die Inhalte von „Paparazzi“ werden auch im Netz angeboten. Ein Fall für die neue Kompetenz der Landesmedienanstalten?

Gratisblätter dürften nicht damit durchkommen, ganz bequem Unwahrheiten zu verbreiten, zitiert der BR Michael Busch, den Vorsitzenden des Bayerischen Journalistenverbandes. Dieser will sich für neue Regelungen einsetzen.

Stammkunden wirken zudem auf das Blatt ein. Sie habe sich bei Müllers Ehefrau, Ansprechpartnerin fürs Marketing, beschwert, darauf sei die Kolumne eine Zeitlang harmloser geworden, berichtet eine Unternehmenssprecherin.

 

Erschienen im Bürgerblick Nr.143, März 2021

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