Google-Anzeigen

Printmagazin | Dienstag, 21. September 21

bild_klein_19601.jpg
Ein SS-Offizier der Division „Totenkopf“ und sein Begleiter werden mit verbundenen Augen von US-Soldaten zum Verhör gebracht. Aus der Nase des Festgenommenen sickert Blut. (Foto: OÖ Landesarchiv, Williams)
75 Jahre Frieden

Stunde Null in Passau

2. Mai 1945 in Passau. Nach Bomben, Granaten und Gewehrfeuer folgt Stille. Die Stadt wird den Alliierten übergeben. Eine Chronik zum Jubiläum „75 Jahre Frieden.“

Die Nachricht, dass es zu Ende geht mit dem Krieg, erreicht Carl Sittler am frühen Morgen, noch vor neun Uhr. Es ist Mittwoch, der 2. Mai 1945, ein kalter Tag. Über Nacht hat es geschneit. Sittler, 62 Jahre alt, zweiter Passauer Bürgermeister, sitzt im verwaisten Rathaus und wartet auf die Ankunft der Amerikaner. Der promovierte Jurist ist ein Mann mit Glatze, hoher Stirn und eingefallenen Wangen. „Die ersten amerikanischen Patrouillen stehen am Residenzplatz“, so hat es ihm der herbeigeeilte Lazarettarzt Baptist Ritter von Scheuring soeben berichtet. Sittler schickt den Arzt umgehend wieder weg mit einem Befehl: Er soll den ersten Kontakt zu den US-Truppen herstellen. Warum will der Bürgermeister diese wichtige Aufgabe nicht selbst übernehmen?

„Gehe ich hinaus, werde ich erschossen, gehe ich nicht hinaus, werde ich auch erschossen“, erklärt Sittler Stunden später unter Tränen einem eintreffenden Kriminalobersekretär. Seine Befürchtungen bestätigen sich nicht. Vierzehn Stunden später wird er im Beisein der US-Befehlshaber die bedingungslose Übergabe der Stadt Passau unterzeichnen.

Die Ereignisse des 2. Mai 1945 markieren den Beginn eines Glücks, das wir bis heute genießen: Frieden. Am selben Tag wie Passau kapituliert Berlin. Hitler ist bereits seit zwei Tagen tot.

An Morgen vor der Übergabe liegt eine düstere Stimmung über der Stadt. Die Stille wird immer wieder durchbrochen vom Krachen und Knattern des Schreckens. Granaten und Gewehrfeuer. Seit ungefähr 60 Stunden beschießen die Amerikaner die Dreiflüssestadt von der nördlichen Donauseite, sie rückten über Tittling und Tiefenbach heran. Insgesamt 2.050 Artilleriegranaten schlagen verteilt übers Stadtgebiet ein: in Mariahilf, in den zu Lazaretten umfunktionierten Häusern am Dom, neben einem 300 Jahre alten Haus in der Ilzstadt, das laut einem Beobachter „der Druckwelle standhält“. Augenzeugen sprechen von einer „Belagerung“, vom „Endkampf“ um die Stadt.

Die vielen Verwundeten können kaum versorgt werden: „Der Chefarzt und seine Assistenten operieren unter den schwierigsten Verhältnissen, meist nur beim Schein einer Laterne im Sezierraum im Keller“, wird Augenzeuge Hans Lackner ein Jahr später in einem Bericht der „Passauer Neuen Presse“ zitiert. Um dem Hagel der Granatsplitter zu entkommen, haben Bürgerinnen und Bürger verzweifelt Deckung gesucht. Der Mann, der sich in seinem Kleiderschrank verkriecht, die junge Frau, die Zuflucht hinter einer Linde sucht. Diese Schutzschilde seien der „Strohhalm der Ertrinkenden“ gewesen, schreibt der Nachkriegsredakteur.

Das Ende der NS-Herrschaft hat sich in Passau am 18. April angekündigt. 194 Langstreckenbomber vom Typ Consolidated B-24 „Liberator“ der 8. US-Airforce tauchen wie eine dunkle Masse am Himmel auf, sie werfen ihre zerstörerische Fracht aus 2.000 Metern Höhe ab; ein Bombenteppich, der vor allem den Westen der Stadt trifft; Auerbach, die Gleisanlagen von Güter- und Hauptbahnhof, das damalige Peschl-Areal, wo ein Bunker schwer getroffen worden ist; Haidenhof-Nord, wo noch im Herbst 2016 ein Blindgänger, eine 225 Kilo schwere Fliegerbombe, geborgen und der gesamte Stadtteil evakuiert werden mussten.

Es ist der letzte und schlimmste von drei Bombenangriffen, den die Passauer zum Kriegsende erleben müssen. Der letzte Fliegerangriff dauert fünfzehn Minuten. Das reicht für 700 Bomben und Granaten mit insgesamt 434,3 Tonnen Sprengstoff. In der Schreckensbilanz ist nachzulesen: 140 Passauer kommen ums Leben, 1.500 werden obdachlos. 40 Wohnhäuser sind total zerstört, 29 schwer, 19 mittelschwer und 87 leicht. 158 Wehrmachtssoldaten halfen bei den Aufräumarbeiten.

bild_klein_19602.jpg
Am 18. April 1945 erlebt Passau den letzten und schlimmsten von drei Bombenangriffen. Einschläge westlich vom Winterhafen Racklau, zerstörte Häuser in der Frühlingsstraße. (Foto: Stadtarchiv)

Wenige Tage später veröffentlicht das NSPropagandablatt „Donau-Zeitung“ die Todesanzeigen der Opfer; die Menschen seien gefallen „für Führer und Großdeutschland“. Noch traut sich keiner, in der Öffentlichkeit eine Kapitulation zu fordern. Bis zum Einmarsch der Amerikaner vergehen noch vierzehn Tage.

Der Erste, der sich traut, gegen die NSDAP die Stimme zu erheben, ist der 65-jährige Passauer Bischof Simon Konrad Landersdorfer. Er schreibt sechs Tage nach diesem Bombenangriff einen Brief an Bürgermeister Carl Sittler sowie an den NSDAP-Kreisleiter und Oberbürgermeister Max Moosbauer. Moosbauer ist seit 1933 Stadtoberhaupt von Passau, hatte aber zu dieser Zeit als SS-Führer die Amtsgeschäfte wegen „Überlastung mit wehrpolitischen Aufgaben“ an seinen Stellvertreter übergeben.

Landersdorfer klingt beschwörend: „Ich möchte dafür eintreten, dass Passau davor bewahrt bleibt, nach so vielen Heimsuchungen noch zum Schauplatz vernichtender Kämpfe zu werden.“ Passau sei zu einer „Lazarettstadt“ geworden. „Es ist nicht ausdenkbar, dass man sie zum Dank für ihr in Wunden erprobtes Heldentum den Schrecknissen eines Häuserkampfs aussetzen wollte.“ Sein Brief bleibt ohne Reaktion.

Auf der Gegenseite stimmt die „Donau-Zeitung“ ihre Leser auf den „Endsieg“ ein, auf „die Freiheit“, die dann „blühen“ werde. In den letzten beiden Ausgaben, 29. und 30. April 1945, appelliert die NS-Führungsriege nachdrücklich an die Bürger: „Wer den Tod in Ehren fürchtet, der stirbt ihn in Schande.“ Zudem meldet sich SS-Generalmajor Erich Hassenstein zu Wort, der im Landkreis eine eigene Kampftruppe aus kranken und verwundeten Soldaten führt: „Der Freiheitskampf beginnt erst. Jeder Verräter gehört an den Galgen.“

Hassenstein zieht vier Tage vor der Kapitulation die letzten verbliebenen Jugendlichen ein. 17- und 18-jährige Burschen müssen sich zur „Kampfgruppe Hitlerjugend“ melden. Er lässt sie mangels passender Ausrüstung in viel zu große Fliegeruniformen oder Anzüge mit der Aufschrift „Afrika-Corps“ schlüpfen. Hassenstein verbirgt seine eigenen Zweifel, beginnt viele seiner Akten, die den Stempel „geheim“ tragen, zu verbrennen. Der 51-Jährige wird sich am 2. Mai an seinem SS-Gefechtsstand am Kelberger Weg 5 in Passau-Ingling, den er tags zuvor von Jägerwirth verlegt hatte, erschießen.

MASSENMORD IM NEUBURGER WALD

Gefürchteter als die Ankunft der Amerikaner sind in diesen letzten Tagen die Schergen der SS, die Zivilisten töten: den Pfarrer von Hutthurm, bei dem sie ein „amerikanisches Sternenbanner“ gefunden haben, einen Ingenieur aus Breitenberg, der darum gebeten hat, die Verteidigung seines Ortes aufzugeben. Ihren Hass lassen sie vor allem an russischen Kriegsgefangenen aus, die unter anderem in einem Lager in Hacklberg gefangen waren. Die sogenannten Russenmorde sind eines der dunkelsten Kapitel der Passauer Kriegsgeschichte. Am 25. April werden die Hacklberger Kriegshäftlinge auf einen 18 Kilometer langen Marsch nach Sulzbach am Inn geschickt. Es wird ihr letzter Marsch. Anwohner berichten später, dass sich ein SS-Offizier nach dem Verbleib der Kolonne erkundigt habe. Tags darauf werden 107 Gefangene tot im Neuburger Wald oder im Inn treibend geborgen. Nur ein Gefangener überlebt das Massaker. Er hat sich tot gestellt und lebendig begraben lassen. Die Namen der SS-Leute, die für diese Erschießungen verantwortlich sind, wurden nie bekannt.

Unterdessen sind die Amerikaner aus zwei Richtungen her im Anmarsch. Das „Infanterieregiment 261“ der 65. US-Infanteriedivision zieht auf der südlichen Donauseite gen Osten, es besetzt am 27. April Regensburg, drei Tage später Plattling, am 1. Mai Vilshofen; von dort teilt sich die Truppe. Die einen ziehen an der Donauuferstraße flussabwärts, die anderen nehmen die Anhöhe über Fürstenzell. Sie werden diejenigen sein, die als Erste in der Stadtmitte eintreffen. Von der nördlichen Donauseite kommt die 11. US-Panzerdivision. Sie überquert am 24. April den Regen, überrennt Grafenau und Freyung, stößt vor zur Donau. Ihre Soldaten sind diejenigen, die am Morgen vor der Übergabe die Stadt beschießen, dann auf der nördlichen Donauseite flussabwärts ziehen und am 5. Mai das Konzentrationslager Mauthausen befreien.

Max Moosbauer gibt den Befehl, alle neun Brücken über Donau, Inn und Ilz sprengen zu lassen. Mit fatalen Folgen für die Altstädter, die von da an von Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten sein werden. Es ist die letzte Amtshandlung des NS-Funktionärs. Zeitzeugen berichten, er sei danach mit drei Parteifreunden geflüchtet. In der Innstadt seien ein Opel bereit gestanden und ein zusätzlicher Bus, voll beladen mit Konserven, Nudeln, Fett und Schnaps.

bild_klein_19603.jpg
Zerstörter Innsteg: Max Moosbauer, OB der NS-Zeit, hatte in der Nacht zum 1. Mai 1945 befohlen, alle Passauer Brücken sprengen zu lassen, um den Einmarsch der US-Truppen zu verhindern. (Foto: Stadtarchiv)

Am Abend des 30. April versinkt als Erste die Ilzbrücke im Ortsteil Hals im Fluss. Die Sprengung der Innbrücke, damals „Ludwigsbrücke“ genannt, versucht der Postbeamte Franz Ponkratz zu sabotieren. Er hatte den Auftrag, als technischer Nothelfer die Sprengstoffladungen anzubringen. Er lässt sich von einem österreichischen Pionier zeigen, wie man die Zünder entschärfen kann. Sein Eingriff scheitert, weil er kurz zuvor von einem Granatsplitter verletzt wird.

Wenige Minuten vor der Sprengung: Ein Zeitzeuge will beobachtet haben, wie Reichsmarschall Hermann Göring die Innbrücke passiert. Göring ist auf der Flucht nach Salzburg.

Gegen 9 Uhr am Morgen des 1. Mai treffen die US-Soldaten im Stadtteil Hals ein. Im Oberhaus haben sich einige wenige Wehrmachtssoldaten verschanzt und eröffnen ein starkes, aber wirkungsloses Feuer auf die Eindringlinge. Die Amerikaner suchen die Häuser nach Waffen und Munition ab. Sie wissen, dass in der Bevölkerung die Angst vor den Russen größer ist, erschrecken sie aus Spaß: „Ruski comes, Ruski comes“, der Russe würde kommen.

Auf dem Sieglberg versuchen Wehrmachtsburschen im Kugelhagel ihren angeschossenen 19-jährigen Kameraden zu retten. Sie kriechen zu ihm, binden ihm ein Seil um die Brust und schleppen ihn ins Haus. „So sanft als möglich betteten sie ihn auf das Kanapee in der Bauernstube, aber er spürte schon nichts mehr“, schreibt ein Chronist.

„Es ist ungewöhnlich ruhig gewesen, und dann waren sie da, die Amis“, wird ein Passauer aus dem Westen der Stadt zitiert. Am frühen Morgen des 2. Mai stehen die Amerikaner in Heining, Neustift, Auerbach. Die Bürger leisten keinerlei Widerstand. Sie erfahren, dass eine Zerstörung der Stadt nicht beabsichtigt ist, aber „to kill every German soldier that didn’t surrender“, jeden Soldaten zu töten, der nicht aufgibt.

HECKENSCHÜTZEN IN DER INNSTADT

Um 13 Uhr ist die Altstadt nahezu kampflos von den Amerikanern besetzt. Auf dem Kleinen Exerzierplatz kommt es zu einem letzten Schusswechsel zwischen US-Soldaten und mehreren SS-Wachen der im Nikolakloster eingerichteten „Somme-Kaserne“(benannt zur Erinnerung an die Schlacht an der französischen Somme 1916). Ein 26-jähriger US-Soldat stirbt. Wenige Wochen zuvor hatte Hassenstein hier noch russische Kriegsgefangene hinrichten und Todesurteile gegen Fahnenflüchtige vollstrecken lassen.

Die US-Truppen beziehen ihren Gefechtsstand im Hotel „Passauer Wolf“ in der Bahnhofstraße 10. Sie melden einen toten Zivilisten, einen alten Mann, der im Motorenlärm den Haltbefehl nicht gehört habe und deshalb erschossen worden sei.

Carl Sittler wird auf seinen Wunsch hin in den „Passauer Wolf“ gebracht. Er hält eine Tage zuvor entworfene Rede und möchte die Stadt übergeben. Aber der amerikanische Kommandeur William E. Carraway entgegnet, dass er für 14 Uhr ein Bombardement der Innstadt angeordnet habe. Von dort würden noch immer vereinzelte Heckenschützen über den Inn feuern.

Der Passauer Bürger Peter Neuhofer bietet an, sich um ein Ende dieser Kampfhandlungen zu bemühen. Die Amerikaner gehen auf seinen Vorschlag ein, ihn mit einem Wäscher über den Inn zu setzen. Neuhofer läuft zur dortigen Polizeiwache. Hilfswachtmeister Hermann Kretzer verspricht, sich darum zu kümmern, dass die Schießereien eingestellt werden, und bis 18 Uhr weiße Fahnen zu hissen. Neuhofer, unterstützt von ein paar jungen Leuten, entwaffnet die letzten Heckenschützen.

bild_klein_19604.jpg
Die US-Besatzer konfrontieren Dorfbewohner in Nammering mit der Grausamkeit des NS-Regimes: Exhumierte Leichen aus einem Massengrab ermordeter KZ-Häftlinge liegen aufgereiht an den Böschungen. (Foto: Staatsarchiv)

Tags zuvor hat sich der Innstädter Arzt Karl Mayerhofer vergeblich um eine kampflose Übergabe bemüht. Er will dem Elend ein Ende setzen: Im größten Bunker der Stadt, bis zu 15 Meter tief unter der Erde gelegen am östlichen Ufer des Mühltals, kauern an die 1.700 Menschen und warten auf das Ende der „Belagerung“. Auch er wendet sich jetzt an Wachmeister Kretzer. Dieser lässt auf Mayerhofers Rat russische Kriegsgefangene, die er noch in seinen Zellen hat, frei. Drei Stunden später besetzen die US-Truppen die Innstadt.

Im „Passauer Wolf“ ringen derweil Sittler und US-Kommandeur Carraway um die Zukunft der Stadt. Das Ergebnis nach mehreren Stunden Verhandlung umfasst zwei Blätter Papier, die im Stadtarchiv in der Akte „II B 3800“ verwahrt werden. Mit Schreibmaschine getippt und mit handschriftlichen Ergänzungen versehen, ist darauf die bedingungslose Übergabe der Stadt Passau festgehalten.

Sittler unterschreibt mit Vornamen „Karl“ statt „Carl“, so wie auf dem Schreibmaschinentext falsch wiedergegeben. Keine kleinlichen Diskussionen mehr. Hauptsache, Frieden.

Erschienen im Bürgerblick Nr. 145, Mai 2020

Unabhängiger Journalismus ist abhängig von zahlenden Lesenden

Wenn Sie uns zusätzlich unterstützen wollen, hier können Sie „spenden“.
Hinweis fürs Finanzamt: Zahlungseingänge werden wie Abozahlungen verbucht.
Bürgerblick als gemeinnützige Gesellschaft zu etablieren ist in Arbeit.

11:45
Montag
25. Oktober 2021
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDAR
25.10. | Montag
MVZ
Telefonsprechstunde "Brustkrebs"
 
bild_klein_19716.jpg

Die Diagnose "Brustkrebs" hat im Vorjahr 400 Frauen in Stadt und Landkreis getroffen. Diese Telefonaktion mit Experten-Trio Radiologe Dr. Braitinger, Frauenärztin Nolte und Klinikum-Professor Südhoff soll Ängste nehmen und über Behandlungsmethoden aufklären. Bei Früherkennung sind 85 Prozent der Erkrankten heilbar. Telefon 0851-5300-8444 und -8445 bis 16 Uhr. 


14:00 Uhr
ZEUGHAUS
Dichterwettstreit
 

Poeten, sowohl Anfänger und als auch erfahrene, bemühen sich um die Gunst des Publikums beim Poetry Slam. Moderiert von Sebastian Ruppert und Pascal Simon. Einlass 19 Uhr.


19:30 Uhr | 6 Euro

Google-Anzeigen