Nachrichten | Sunday, 05. July 26
Altersarmut in Passau: Die Scham der AltenMenschen im Alter leiden leise. Sie haben kaum Fürsprecher und wollen sich oft nicht helfen lassen. Es hat mit Würde und Scham zu tun. Deshalb bleibt auch in unserer reichen Stadt dieses Elend unsichtbar: Eine Generation, die Hunger und Krieg erlebt hat, trifft es erneut. Eine Szene an einer Passauer Bäckereitheke zeigt, wie beschämend knapp das Geld für manche Rentnerinnen und Rentner geworden ist. Eine Bäckereiverkäuferin erblickt an ihrem ersten Arbeitstag die zierliche, vom Alter gebeugte Frau, die sie flüchtig von Spaziergängen aus ihrem Stadtteil kennt. Die Begegnung an einer Verkaufstheke ist ungewohnt. Sie steht der alten Frau als Bedienung gegenüber und wird Zeugin einer Wirklichkeit, die sie noch lange beschäftigen wird. Die Betagte betrachtet die Backwaren und fragt: „Was kostet eine Brezn?“ „75 Cent!“ Eine Semmel gibt’s für 43 Cent. Die alte Frau überlegt kurz. „Dann zwei Semmeln bitte!“ Ihrem Gegenüber wird bewusst, was sich hier abspielt. Diese alte Dame muss mit jedem Cent rechnen. Wahrscheinlich wollte sie lieber eine Brezn haben. Die Szene hat die Verkäuferin berührt: eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Traurigkeit, weshalb sie noch Tage später davon erzählen wird. Es lässt sie nicht ruhen. „Wir brauchen da dringend Lösungen“, bittet sie einen Journalisten. Das Gespräch war der Auslöser für diese Geschichte. Die Bäckereiverkäuferin selbst hatte damals eine sehr persönliche Lösung gefunden.
Altersarmut zeigt sich nicht nur an der Bäckereitheke, auch an dieser Entwicklung: Umzug von der Großstadt in die Provinz. 40 Jahre konnte sich Jana Förster, eine Angestellte in der Modebranche, in München eine geräumige Wohnung leisten, bezahlbare Bestandsmiete. Dann kam 2017 die Kündigung. Der Vermieter meldete für seine Familie Eigenbedarf an. Zwei Jahre vor der Rente war sie gezwungen, sich eine neue Wohnung zu suchen. Es war aussichtslos. Sie sprach im Wohnamt vor. „Gehen Sie in ein Frauenhaus oder in ein Asylantenheim“, soll man ihr geraten haben. Beides war für sie keine Option. Die 67-Jährige entschied sich notgedrungen für einen Neuanfang in Niederbayern, hier sind die Mieten günstig. Es hat sie nach Zwiesel verschlagen. Armut und Einsamkeit werden im Alter zu Gefährten. „In München hatte ich Bekannte, mit denen ich mich zum Spazierengehen oder Treffen verabredet habe, hier kenne ich niemanden“, sagt sie. 970 Euro betrage ihre Rente, für ihre Wohnung zahle sie knapp 300 Euro Warmmiete, davon 100 Euro an Heizkosten. „Ob ich in dieser Wohnung bleiben kann, wird sich zeigen, wenn im September die Heizkostenabrechnung kommt.“ Sie rechne mit einer Nachzahlung von 600 bis 700 Euro. Die Winter im Bayerischen Wald sind lang und kalt. Sie versucht, sich mit einem Scherz zu trösten: „Für München bin ich ein armer Hund, in Zwiesel mit der billigen Wohnung bin ich Millionär.“ Im Jahr 2020 waren 185 Männer und 235 Frauen im Rentenalter in Passau auf Grundsicherung angewiesen, das sind knapp vier Prozent aller Rentenempfänger. Die Zahl der Bedürftigen ist im letzten Jahrzehnt gestiegen: von 300 im Jahr 2010 auf 391 im Jahr 2015, dann auf 420 im Jahr 2020. Diese Zahlen kennzeichnen die sichtbare Altersarmut. Aus diesen Sozialstatistiken lässt sich vermuten, dass auch bei der unsichtbaren Altersarmut der Frauenanteil höher ist. Es sind vor allem Alleinstehende, die im eigenen Haushalt leben. Ihre Männer haben sie überlebt, die erwachsenen Kinder gehen ihre eigenen Wege, leben oft nicht mehr in derselben Stadt. Selbst Frauen, die aus guten Geschäftshäusern kommen, haben kleine Renten. Es gab beispielsweise Söhne und Töchter, die im elterlichen Betrieb arbeiteten und von ihren Arbeitgebern nicht bei der Sozialversicherung angemeldet worden sind. Eine Pflicht gab es damals nicht. „Altersarmut ist überwiegend weiblich“, bestätigt Sozialberaterin Sabine Weiß von der Caritas. Vorwiegend seien Betroffene aus der Mittelschicht. „Das liegt daran, dass sie oft alleinerziehend waren und halbtags gearbeitet haben“, erklärt sie. In der Zukunft sieht sie die ungleiche Verteilung zwischen Männern und Frauen weiterbestehen. Besonders schwer würden die steigenden Heizkosten und Strompreise Menschen in Altersarmut treffen, sagt Weiß. Wer wenig Geld hat, besitze meist nicht die sparsamsten Geräte. Ein alter Kühlschrank verbrauche mehr Strom als ein neuer. Im Ruhestand verbringt der Mensch mehr Zeit zu Hause, das steigere die Energiekosten zusätzlich, erklärt sie. Von der Beobachterin aus der Bäckerei haben wir gelernt, dass die betroffene Klientel sich schämt. Es sei nicht der Personenkreis, der „Hier!“ rufe, wenn er Hilfe benötige, das ist auch die Erfahrung der Caritas-Frau. „Die gehen erst dann irgendwohin, wenn es gar nicht mehr geht.“ Für die Recherche dieses Beitrags war es so gut wie unmöglich, Betroffene zu finden, die mit uns sprechen wollten. Sie tauchen bei der Armenspeisung auf der „Passauer Tafel“ nicht auf, sie scheuen den Weg zum Sozialamt oder zu den Beratungsstellen. Ihre innere Hürde mag zudem ihre Erziehung sein, stets das Ansehen zu wahren, sich keine Blöße zu geben. Auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, empfänden viele wahrscheinlich als Verlust ihrer Würde.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund Bayern hat im aktuellen Rentenreport die Einkünfte von 2019 beleuchtet. In Niederbayern betrug die Durchschnittsrente für Männer 1.177 Euro, für Frauen 669 Euro. Mehr als jede vierte Rentnerin muss mit 300 bis 600 Euro auskommen. Die Einschätzung im DGB-Report klingt dramatisch: Mehr als 81 Prozent der Frauen leben an der Grenze zur Armut oder in Armut. Altersarmut herrscht nicht nur in Privathaushalten, sondern selbst im Altenheim. Fast jeder achte Passauer Rentenempfänger, der Grundsicherung bezieht, wohnt in einer Pflege- oder Alteneinrichtung. Eine Altenpflegerin, die anonym bleiben will, erzählt, wie die in der ambulanten Altenpflege sichtbar gewordene Armut sie nicht habe ruhen lassen. „Ich betreue alleinstehende, alte Frauen, die zu wenig zum Leben haben“, sagt die gebürtige Philippinerin, die vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland kam. Auf der anderen Seite habe sie Patienten, die offensichtlich wohlhabend sind. Sie überlegte, wie sie helfen kann. „Ich darf kein Geld sammeln oder annehmen, da würde ich mich strafbar machen“, erklärt sie. Sie fand eine Lösung: Die Wohlhabenden schenken ihr Lebensmittel, die sich die anderen nicht leisten können. Sie kümmert sich um die Verteilung. „Für die Ärmeren ist eine Tafel Schokolade oder ein Fläschchen Wein Luxus.“
Mit einer Straßenumfrage wollen die Reporter für diesen Beitrag Stimmen sammeln. Sie sprechen an einem Mainachmittag Menschen in der Fußgängerzone an, die sie im Rentenalter vermuten. Die meisten wollen nicht reden. In der Bahnhofstraße lässt sich ein 75-Jähriger im blau karierten Kurzarmhemd auf ein kurzes Gespräch ein. Seine Rente betrage 840 Euro, als freiberuflicher Haustechniker habe er nicht viel in die Rentenkasse einbezahlt, aber er könne davon problemlos leben. Wahrscheinlich hat er Rücklagen. „In den besten Monaten habe ich 20.000 D-Mark verdient“, erzählt er. „Ich will nur noch meine Ruhe haben“, antwortet uns ein alter Mann in abgetragener beiger Fleecejacke und gelber Kappe, als wir ihn in der Bahnhofstraße zu Rente und Auskommen ansprechen. Er sei 14 Jahre auf Montage gefahren, sein Körper von harter Arbeit ruiniert, berichtet der 72-Jährige aus Hutthurm. „Ich bin selbst betroffen“, sagt er beim Stichwort Altersarmut. „Eure Umfrage ist Zeitverschwendung, sprecht lieber mit den Politikern“, sagt er und verabschiedet uns mit einem müden Lächeln. Der Fotograf beobachtet, wie eine ältere Dame mehrere Passanten nach 50 Cent fragt. Sie brauche das Geld, um von einer Telefonzelle ihre Tochter anzurufen. Es gibt keine Telefonzellen mehr. Sie kommen ins Gespräch. Die 94-Jährige wohnt in einem Seniorenheim der Altstadt und hat drei Kinder. Sie stamme aus Ungarn, gegen Kriegsende sei ihre deutsche Familie zur Flucht gezwungen worden, erzählt sie mit brüchiger Stimme. Kommt sie gut über die Runden? „Ich habe sparen gelernt. Mit Cents habe ich angefangen.“ Wie die Geschichte mit der alten Frau in der Bäckerei ausgegangen ist, die mit jedem Cent rechnen muss? Die Verkäuferin bittet ihre Kollegin: „Kannst du für mich schnell übernehmen?“ und verschwindet in die Umkleide. Sie kommt mit einem Fünf-Euro-Schein zurück, drückt ihn der Kundin in die Hand und sagt: „Sie müssen heute nicht bezahlen.“
Danach hat sie die alte Frau vier Monate lang nicht wieder gesehen. War das Almosen ihr vielleicht unangenehm? Nein. „Beim nächsten Treffen hat sie übers ganze Gesicht gestrahlt“, erzählt die Verkäuferin. Es scheint alles zu passen. Vielleicht bedürften viele arme Menschen eines solchen Paten, der Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl mitbringt, manchmal diskret unter die Arme greift. Transparenzerklärung Der Autor kennt Altersarmut auch aus dem eigenen Familienkreis. Der Fall zeigt, dass selbst ein Leben voller Arbeit nicht vor einer kleinen Rente schützt: Eine Frau, die mit 16 ihre Lehre begann, später mit ihrem Mann bis ins hohe Alter von morgens bis abends im eigenen Handwerksbetrieb arbeitete, muss heute als Witwe mit rund 800 Euro im Monat auskommen.
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Sonntag
5. Juli 2026
PRIVATE PLATTFORMEN05.07. | Sunday CAFÉ MUSEUM Across The Pond Guitar Festival Das Programm vereint die Gitarristen Gavino Loche aus Italien, Adrian Raso aus Kanada und Jimmy Robinson aus New Orleans. Die Musiker präsentieren ein Trio an akustischen und elektrischen Gitarren. Das Festival findet seit 2023 statt und umfasst internationale Stationen wie Amsterdam und New Orleans. (Letzter Termin) 20:00 Uhr | frei VESTE OBERHAUS Hamlet auf der Freilichtbühne ![]() In Shakespeares „Hamlet“ untersucht der dänische Prinz den Tod seines Vaters und gerät dabei in ein Netz aus Intrigen, Verrat und Gewalt. Hamlet spielt Benedikt Schulz. Bei schlechtem Wetter im Fürstbischöflichen Opernhaus. 20:00 Uhr | ab 9 Euro
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