Nachrichten | Monday, 20. April 26

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Flugverkehr

Kerosin-Krise: Ein Luxusproblem mit Sparpotenzial

Passau/Berlin – Die Schlagzeilen klingen alarmierend: „Warnungen vor Kerosin-Engpässen“. Doch ist die Bevölkerung davon tatsächlich akut betroffen? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Fliegen ist kein Grundbedürfnis, sondern weltweit betrachtet vor allem ein Luxus – sowohl beim Reisen als auch beim Transport exotischer Lebensmittel.

Langstreckenflüge verschlingen wegen ihrer Distanzen und Tankmengen den Großteil des Kerosins. Der durchschnittliche Verbrauch liegt bei 3,38 Litern pro Passagier und 100 Kilometer. Laut der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt ist Verbrauch sinkend - wegen der zunehmend eingesetzten energiesparenden Flugzeuge der neuesten Generation. Hochgerechnet ergibt das rund zehn Milliarden Liter im Jahr bei deutschen Airlines. Aber: Der Kerosinverbrauch konzentriert sich auf einen kleinen Teil der Welt. Denn global ist Fliegen die Ausnahme: 80 bis 90 Prozent der Menschen sind noch nie geflogen, weniger als zehn Prozent fliegen jährlich. Im wohlhabenden Deutschland ist es umgekehrt: Der Anteil der „Nie-Flieger“ liegt bei etwa 11 bis 15 Prozent.

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Wirtschaftsministerin Katharina Reiche beschäftigt der Kerosin-Engpass. (Titel der Tagespresse)
Die Gründe, auf Flüge zu  verzichten, sind bekannt: Geld, Klimaschutz, Angst. Etwa 15 Prozent meiden das Fliegen aus psychologischen Gründen. Sie haben Platzangst, stundenlang in einer Röhre mit einer Menschenmasse "eingesperrt" zu sein. Ein Viertel verzichtet oft aus ökologischen Motiven. In diesem Kontext gewann vor einigen Jahren der Begriff „Flugscham“ an Bedeutung: Er beschreibt das wachsende Bewusstsein, dass Fliegen klimaschädlich ist. Inzwischen ist dieser Impuls vielerorts abgeflaut, überlagert von wirtschaftlichen Sorgen oder dem Bedürfnis nachzuholen, was in der Pandemie nicht möglich war.
Die Corona-Krise hat gezeigt, wie schnell der Flugverkehr einbrechen kann. Im April 2030  waren es 80 Prozent weniger Flüge als üblich. Es herrschte himmlische Ruhe. Aktuell werden wieder 100.000 bis 130.000 kommerzielle Flüge pro Tag gezählt. Gleichzeitig befinden sich weltweit bis zu 15.000 Flugzeuge in der Luft. 

Mehr als die Hälfte aller Flüge sind Kurzstrecken. Sie sind ineffizient, schlucken sechs bis acht Liter pro Passagier und 100 Kilometer, während sparsame Langstreckenjets auf 2,1 bis 2,5 Liter pro Kopf kommen. So die Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Trotzdem liegt ihr Anteil am Gesamtverbrauch deutlich niedriger. In Europa verursachen Flüge unter 500 Kilometer weniger als sechs Prozent des Kerosinverbrauchs, während Langstrecken über 4.000 Kilometer mit nur sechs Prozent der Flüge rund die Hälfte des Treibstoffs verbrauchen. Der Grund ist simpel: Distanz. Ein Kurzstreckenflug über 500 Kilometer verbraucht vielleicht 40 Liter pro Passagier, ein Langstreckenflug über 10.000 Kilometer rund 250 Liter. 

Wer Flugtickets für Fernziele kauft, stößt auf einen systemischen Widerspruch: Günstige Tickets führen oft über Umwege. Mehr Starts, mehr Landungen, mehr Verbrauch. Bekanntlich ist gerade der Start ist besonders treibstoffintensiv. Zur Erklärung: Die Airlines kalkulieren ihre Preise nicht nach der kürzesten Strecke, sondern nach Auslastung und Netzlogik. Große Drehkreuze wie beispielsweise Zürich werden gezielt gefüllt: Ein Flug von München nach Kapstadt über Zürich kann deshalb billiger sein als die direkte Verbindung, obwohl er länger dauert und mehr Kerosin verbraucht.  Die Passagiere werden so für Langstreckenflüge gebündelt, das Flugzeug wird also besser ausgelastet, was den Preis pro Ticket senkt. Für den einzelnen Passagier lohnt sich der Umweg finanziell, aber fürs Klima ist er oft die schlechtere Wahl, weil zusätzliche Starts und Landungen den Verbrauch erhöhen.

Technisch gibt es Fortschritte. Neue Flugzeuge senken den Verbrauch um bis zu 30 Prozent. Alte Maschinen stillzulegen, ist daher ein logischer Schritt. Ein Beispiel zeigt, wie schnell sich die Lage konkret auswirkt: Die Lufthansa hat gerade ihre Regionaltochter "Lufthansa CityLine" überraschend früh komplett stillgelegt. Betroffen sind 27 Maschinen, allesamt ältere Regionaljets vom Typ "Bombardier CRJ". Der Konzern selbst nennt sie „besonders ineffizient“. Parallel zieht Lufthansa auch bei anderen großen „Sprit-Schluckern“ Konsequenzen: Vier Airbus "A340-600" und zwei "Boeing 747-400" werden dieses Jahr ausgemustert. Die Kerosinkrise beschleunigt also eine Entwicklung, die ökonomisch und technisch längst angelegt war.

Und die Wirtschaft? Sie verweist auf Abhängigkeiten. Tatsächlich betrifft das vor allem Luftfracht, aber nur bestimmte Güter: verderbliche Waren (Luxuslebensmittel wie "Flugananas" und "Premium-Papayas"), Medikamente, Ersatzteile, hochwertige Elektronik. Im Prinzip alles, was zeitkritisch ist. Die Blockade der Straße von Hormus zeigt, wie fragil Lieferketten sind. Luftfracht kann sie nicht ersetzen, nur kostspielig kitten.

red

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