Nachrichten | Montag, 28. September 26
ÖPNV in Passau: So soll der Busverkehr drei Millionen Euro einsparenPassau – Weniger Busse, längere Takte, Rufbusse statt schwach ausgelasteter Linien und erstmals Regionalbusse, die Aufgaben des Stadtverkehrs übernehmen: Passau unternimmt den zweiten Anlauf, sein laut OB 8,5 Millionen Euro schweres ÖPNV-Defizit in den Griff zu bekommen. Das Ziel: drei Millionen Euro im Jahr einsparen, ohne den Busverkehr kaputtzusparen. Fast drei Stunden, von 16.45 bis 19.30 Uhr, stellten Michael Wurm und Gina Fischer von der in Frankfurt ansässigen Beratungsgesellschaft "Ioki" das neue Konzept vor und beantworteten Fragen der Stadträte. Grundlage sind nach ihren Angaben mehr als eine Million Datenpunkte aus den Zählsystemen der Stadtbusse sowie Simulationen von rund 200.000 Wegen. Das Ergebnis klingt zunächst drastisch: Das Fahrplanangebot soll um etwa ein Viertel schrumpfen, zehn bis zwölf Busse werden weniger benötigt. Dennoch sollen 99 Prozent der Wege im Stadtgebiet grundsätzlich weiter mit dem ÖPNV erreichbar bleiben. Rund zehn Prozent der heutigen Nutzer wären unmittelbar von den Veränderungen betroffen. Bei drei Millionen liegt die Schmerzgrenze Ursprünglich stand sogar eine Einsparung von rund 3,7 Millionen Euro im Raum. Davon raten die Berater ab. Weitere Kürzungen würden die Qualität so stark verschlechtern, dass der Bus nach Einschätzung von Wurm nur noch für Menschen attraktiv wäre, die keine andere Wahl haben. Bei drei Millionen Euro sehen die Planer die Grenze des noch Vertretbaren. Ganz ohne Verschlechterung geht es allerdings nicht. Die Erschließungsqualität sinkt nach den Berechnungen von einer Schulnote 3 plus auf 3 minus. Bei 19 Prozent aller untersuchten Wege verschlechtert sie sich, besonders im Nordosten. Und wer mit dem Bus unterwegs ist, braucht heute im Schnitt bereits 2,4-mal so lange wie mit dem Auto. Im neuen Netz wären es 2,48-mal so lange. Die Verschlechterung soll also vergleichsweise gering bleiben. Das Grundprinzip lautet: Leere Busse sollen möglichst verschwinden. Die sogenannten K-Linien werden durch Rufbusse ("On-Demand-System") ersetzt. Diese kleinen Busse fahren nur dann und dort, wenn und wo sie über eine App oder telefonisch bestellt werden. Andere Linien werden von einem 30- auf einen 60-Minuten-Takt ausgedünnt. Regionalbus statt paralleler Leerfahrten
Dieses Magazin hatte solche Parallelverkehre und die fehlende Synergie bereits thematisiert. In der Diskussion kam folgerichtig auch der oft fast leere oberösterreichische Linienbus Passau–Linz zur Sprache, der durch die Innstadt fährt und unter anderem am Stadttheater hält. Stadträtin Diana Niebrügge, eine Innstädterin, regte an, auch hier eine Kooperation zu prüfen. Oberbürgermeister Andreas Rother verwies darauf, dass Gespräche mit der oberösterreichischen Seite in der Vergangenheit schwierig gewesen seien. Der schnelle Bus aus Heining nimmt künftig einen Umweg Auch die bisher schnelle Verbindung aus Heining soll einen Umweg bekommen. Statt über die weitgehend unbewohnte Regensburger Straße soll der Bus durch Wohngebiete geführt werden. Das verlängert zwar die Fahrzeit, bringt den Bus aber näher zu den Menschen. Alt-OB Jürgen Dupper brachte es sinngemäß auf den Punkt: Auf der bisherigen Strecke liegen kaum Ziele – abgesehen von einem Etablissement. Später anfangen, früher aufhören Gespart wird auch an den Tagesrändern. Allein werktags sollen rund 2,2 Millionen Euro wegfallen, weitere 600.000 Euro am Wochenende. Ein früheres Betriebsende bringt nach der vorgestellten Rechnung rund 200.000 Euro, der spätere Betriebsbeginn ab 6 Uhr weitere 50.000 Euro. Gerade der letzte Punkt dürfte empfindlich werden. Beschäftigte in Pflege und Klinik berichteten schon bisher von schwierigen Verbindungen am frühen Morgen oder späten Abend. Wer ungünstig wohnt und im Schichtdienst arbeitet, muss teilweise schon heute längere Fußwege oder andere Verkehrsmittel in Kauf nehmen. Werden Fahrgäste wieder ins Auto steigen? Die entscheidende Frage stellte deshalb unter anderem die Grünen-Stadträtin Stefanie Auer: Was geschieht mit Menschen, die kurz davor waren, vom Auto auf den Bus umzusteigen? Ob Fahrgäste wegen der Verschlechterungen wieder ins Auto wechseln, wurde nicht berechnet. Die Hoffnung der Planer und des Oberbürgermeisters: Eine deutlich bessere Digitalisierung soll einen Teil der Nachteile ausgleichen und neue Fahrgäste gewinnen. Was andernorts selbstverständlich ist, fehlt in Passau Denn ausgerechnet hier hängt Passau hinterher. Eine App soll künftig Verbindungen anzeigen, Verspätungen in Echtzeit melden, auch einen Fußmarsch zur übernächsten Haltestelle empfehlen, die Rufbusse buchbar machen und digitales Bezahlen ermöglichen. Die digitale ÖPNV, der in kleinen Kommunen von Königs-Wusterhausen in Brandenburg bis Hallbergmoos in Oberbayern längst selbstverständlich ist, fehlt in Passau bislang. Diese digitale Infrastruktur muss stehen, bevor das neue Netz vollständig umgesetzt werden kann. Damit lässt sich das Sparprogramm auch nicht von heute auf morgen starten. FDP-Stadtrat Holm Putzke rechnete vor, dass rund 250.000 Euro im Monat oder gut 8.200 Euro am Tag verloren gehen, je länger es bis zur Umsetzung dauert. Bürger sollen zwischen Oktober und November mitreden
OB Rother will trotzdem zunächst die Bürger beteiligen. Die Versammlungen sollen am 13. Oktober beginnen, die letzte ist für 17. November vorgesehen. Zusätzlich soll es eine Online-Beteiligung geben. Große Veränderungen seien nicht mehr drin, aber bei gravierenden Problemen könne nachgebessert werden. Passau soll zum Versuchslabor werden
Langfristiges Ziel ist ein Öffentlicher Nahverkehr der Zukunft, der sich immer stärker nach der tatsächlichen Nachfrage richtet: Linien und Bedienungsgebiete passen sich dynamisch verändern dem tatsächlichen Bedarf an. Das gab es doch schon einmal
Passau hat mit solchen Zukunftsprojekten allerdings schon Erfahrungen gesammelt. Vor einigen Jahren sollte ein autonomer Shuttlebus auf einer eigenen Trasse gemeinsam mit Partnern wie der Zahnradfabrik erprobt werden. Am Ende blieb von dem Projekt wenig übrig. Auf diesen Einwand von Stadtrat Matthias Weigl erklärte Wurm, die Technik habe sich inzwischen rasant weiterentwickelt. Er habe von diesem Vorhaben keinr Kenntnis. hud
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