Nachrichten | Sonntag, 18. Oktober 26

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Stundenlang war Felix Audebert am Place de la République durch Polizeisperren gefangen.
Eskalierende Demos

Passauer in Paris: „Ich hatte wirklich Angst“

Passau/ Paris - Felix Audebert geriet bei den Protesten auf dem Place de la République zwischen Polizei und Demonstrierende. Mehr als eineinhalb Stunden saß er dort fest. Er berichtet von Tränengas, Festnahmen und Gewalt, aber auch von vielen jungen Menschen, die friedlich protestierten.

Der Passauer studiert an Orten, an denen er wiederholt Krisen erlebt. In Lissabon wurde er von schweren Stürmen und Überschwemmungen überrascht und half vor Ort mit. Nun studiert er in Paris und geriet dort mitten in die Proteste. Audebert gehört zum ehrenamtlichen Team der Bürgerblick-Redaktion und war Ansprechpartner für Marketing.

Wie hast Du den Protesttag erlebt?
Als ich ins Zentrum geradelt bin, etwa 20 Minuten von meiner Wohnung entfernt, hingen schon Rauchschwaden über der Stadt. Zuerst war ich an der Bastille, dann bin ich zum Place de la République gegangen. Dort war es völlig anders als bei den friedlichen Demonstrationszügen: Der Platz war voller Tränengas, viele Menschen waren vermummt, dann wurde alle Zugänge von der Polizei abgeriegelt.

Mein französischer Begleiter und ich waren plötzlich eingeschlossen. An zwei oder drei Zugängen standen Wasserwerfer, andere Straßen sperrten Polizisten ab. Wir kamen fast zwei Stunden lang nicht heraus. Die Polizei rückte immer wieder von verschiedenen Seiten vor, nahm einzelne Menschen fest und schoss Tränengas. Das knallt jedes Mal, als würde eine Bombe explodieren. Man kann kaum sehen und richtig atmen. Die Augen tränen. Ich hatte wirklich Angst. Aber das ging nicht nur mir so.

Was hast Du auf dem Platz beobachtet? 
Ich sah, wie ein älterer Mann beim Weglaufen stürzte. Polizisten schlugen ihn mit Schlagstöcken, obwohl er am Boden lag. Gleichzeitig halfen Demonstrierende Verletzten. Ein Mann blutete am Kopf und wurde von anderen weggetragen. Immer wieder verteilten Leute kleine Fläschchen, damit man sich die Augen ausspülen konnte.

Irgendwann öffnete die Polizei einen Ausgang. Wir sind so schnell wie möglich durch Seitengassen weggegangen. Danach habe ich meine Augen in einem Café ausgespült. Das Tränengas hing auch in der Kleidung. Erst zu Hause, als ich sie ausgezogen hatte, war es ganz weg.

Wer waren die Demonstrierenden?
An anderen Orten in Paris habe ich viele friedliche Demonstrierende gesehen, vor allem Schüler und junge Erwachsene. Auf dem Place de la République waren die meisten vermummt. Dort waren auch sehr junge Menschen: teils 13-, 14- oder 15-Jährige. Ich sah außerdem ältere Leute, manche über 50.

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Verbrannte Fahrräder auf den Straßen von Paris. (Foto: Felix Audebert)
Was meine persönliche Wahrnehmung und Einschätzung anbelangt: Nur etwa fünf Prozent der Demonstrierenden haben sich mit der Polizei angelegt; deutlich mehr sind bereit gewesen etwas zu beschmieren oder ein Fahrrad danzuzünden. Der Großteil war friedlich. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund war aus meiner Sicht nicht ungewöhnlich hoch. Da waren viele, die man als „Bio-Franzosen“ bezeichnen würde. Jetzt versuchen Rechte, die Ausschreitungen als Protest von Menschen mit Migrationshintergrund darzustellen. Das passt nicht zu dem, was ich dort gesehen habe. Zugleich mischten sich in die Proteste deutlich linke bis linksextreme Positionen. Auch die Palästina-Solidarität spielte eine Rolle.

Worum ging es den Schülern?
Ich habe mit mehreren Schülern gesprochen. Sie erzählten von Unterrichtsausfällen, schlechten Schulgebäuden und Klassenzimmern, in denen es im Sommer 40 Grad heiß werde. Manche wussten nicht, wie sie ihre Prüfungen schaffen sollen. Auf den Plakaten ging es auch um steigende Preise und gegen die Regierung. Viele waren einfach da, manche fanden das Vermummtsein offenbar spannend. Mein Eindruck war: Nur ein kleiner Teil wollte tatsächlich Gewalt gegen die Polizei anwenden.

Was sollte die Gewalt bewirken?
Das ist schwer zu sagen. Ein französischer Freund meinte, es gehöre für viele Franzosen dazu, alle paar Jahre eine neue Revolution anzufangen. Vieles wirkte auf mich aber nicht rational. Warum man die eigene Stadt und Geschäfte zerstört, kann ich nicht nachvollziehen. Während ich am Nachmittag dort war, sah ich keine geplünderten Läden. Die Bilder von Plünderungen und brennenden Autos entstanden offenbar an anderen Orten oder später.

Die offizielle Bilanz
Die Tagesschau bezeichnete den Protesttag als „beispiellos“. Nach Angaben der französischen Regierung wurden landesweit 1.200 Menschen festgenommen; 150 Polizisten wurden verletzt. Die Pariser Polizeipräfektur meldete für die Hauptstadt 855 Festnahmen. Ein Demonstrant starb nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Die Agentur Reuters berichtete zudem, dass die Menschenmenge größer gewesen sei als bei den Gelbwesten-Protesten, aber kleiner als bei den Demonstrationen gegen die Rentenreform 2023.

Mit Felix Audebert telefonierte Reporter Denk am Sonntagmittag.

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