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Meinung | Sonntag, 19. September 10

Freie Journalisten

Von Hartz IV bis Hyperlokal

Passau/ Hamburg – „Ich leiste mir ein teures Hobby“, sagen sie. Oder: „Reich werde ich bestimmt nicht, aber es macht unheimlich Spaß.“ Einer bekennt, dass er seiner Leidenschaft nur mit Hartz IV und Förderverein frönen kann.

Bekenntnisse von freien Journalisten.

Sie schreiben meist über andere, selten über sich selbst. Am Wochenende hatten sie eine großartige Plattform, sich mit Kollegen auszutauschen. Über ihren so herrlich freien Beruf, über die meist unverschämt niedrigen Honorare und über ihren wichtigen Stellenwert in einer Demokratie: Freischreiber, der junge Berufsverband freier Journalisten, rief zum ersten Zukunftskongress nach Hamburg. Mehr als 250 Menschen dieser besonderen Gattung, für die Ruhm, Ehre und Herzblut offenbar mehr zählt als schnöder Mammon, reisten aus der ganzen Republik an. Die Stimmung war gut, denn auch gegenseitiges Schulterklopfen hilft.

Eine der Feststellungen nach einem zwölfstündigen Kongresstag mit verschiedensten Arbeitskreisen: Immer mehr freie Journalisten beuten sich als Einzelunternehmer lieber selbst aus, als sich von Verlagen ausbeuten zu lassen. Sie gebären mit Einfallsreichtum und Eigeninitiative Projekte und ziehen, wenn sie Glück haben, an ihren ehemaligen Arbeitgebern vorbei.

Die modernen Verleger wertschätzen journalistische Qualität zu wenig, wurde mokiert. Sie bewerten lieber, welche neuen Plattformen welche Werbekunden anziehen könnten, wie am schnellsten Rentabilität erreicht werden kann. Die Bedürfnisse der Leser würden dabei auf der Strecke bleiben.

 

Eine sich aufs Bloggen spezialisierte Journalistin berichtet mit fast kindlicher Freude über ihre ersten Leserzugriffe; heute verdingt sich unter anderem als Netzwerk-Beraterin für Tierärzte.

Die Geschäftsführerin des erfolgreichsten deutschen Nachrichtenportals erzählt, dass ihre Online-Tagebücher völlig überraschend zum Karriere-Sprungbrett wurden. Dann muss sie kurz den Blick beschämt nach unten richten. Eine Stimme aus dem Publikum erhebt den Vorwurf, dass ausgerechnet dieses renommierte Unternehmen nur lumpige 120 Euro für einen Online-Betrag (6.000 Zeichen) bezahle. Wieder kommt das Argument, der Autor gewinne auch durch die Referenz.

Der Vertreter eines neuen, angesehenen Meinungsmediums kommt auch nicht besser davon. Er und seine Kollegen, so wird bekannt, akzeptieren Dumpinglöhne, in der Hoffnung durch dieses Blatt berühmt zu werden.

Von den Tageszeitungen haben sich die meisten freien Journalisten getrennt, weil das Zeilengeld nicht mehr akzeptabel ist. Der Zug für diese Printgattung scheint abgefahren. Diese Verlage tricksen mit künstlich hoch gehaltenen Druckauflagen („Im Keller einer Donaustadt werden überflüssige Zeitungen heimlich vernichtet“, berichtet ein Insider) oder knausern beim Personal (in einer Landkreisredaktion der angesehensten bayerischen Tageszeitung muss angeblich eine Sekretärin Texte redigieren, damit ein Redakteur eingespart werden kann).

Stattdessen sprießen „hyperlokale“ Online-Zeitungen, die sich früher oder später einen Printableger gönnen. Ab wann es sich lohnt, einen solchen neuen Heimatmarkt aufzubauen, wurde auch eruiert: ab 35.000 Einwohner. Demnach wäre allein in Bayern Spielraum für mehr als 300 Mini-Verleger.

Irgendwie gilt bei allen Zukunftsdiskussionen Print als altbacken und Internet als hypermodern. Doch beide Seiten kranken. Hier fallen die Käufer weg, dort fehlen die Erlöse. Und natürlich gibt es in beiden Feldern rühmliche Ausnahmen.

Eine klare Antwort, ob Gedrucktes oder Klickbares die größte Reichweite erzielt, gibt es nicht. Der weltweite Zugriff garantiert noch lange nicht, dass ein Beitrag Beachtung findet. Die gekaufte Zeitung dagegen wandert bestimmt durch mehrere Hände.

„Ohne freie Journalisten sind Medien in Deutschland nicht mehr denkbar“, schreibt der Verband der „Freischreiber“ in seiner Präambel. Tageszeitungen hätte ohne sie Mühe, die Seiten zu füllen und Rundfunkanstalten müssten den Betrieb einstellen.

Solange die Leser sich mit den Inhalten zufriedengeben, wird es wohl nicht so dramatisch werden.

Gütesiegel für Qualitätsjournalismus?

Eine prickelnde Idee machte bei diesem Zukunftskongress die Runde: Warum sollten nicht auch journalistische Produkte – ähnlich "Bio" oder "fairer Handel" bei Lebensmitteln - ein Gütesiegel bekommen? Es könnte den Lesern signalisieren: Hier gibt es keine Mogelpackung mit billiger Füllung, die nur die Wirtschaft bedient, sondern anspruchsvolle und kritische Inhalte, weil journalistische Leistung vernünftig honoriert wir.

"Die Zukunft gehört den Freien", taz

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Bürgerblick war als seltene Spezies des lokalen Print-Journalismus auch auf dem Kongress vertreten.

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11:35
Donnerstag
22. Oktober 2020
 
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KULTURKALENDER
22.10. | Donnerstag
PRODUZENTENGALERIE
Ernst Zahnweh - Stahl, Keramik, Malerei
 

Bilder, Objekte und Installationen des Münchner Autodidakts Ernst Zahnweh, der seit mehr als 35 Jahren künstlerisch tätig ist. Ausstellung bis zum 25.10 immer donnerstags bis sonntags von 15-17 Uhr. 


15:00 Uhr | Eintritt frei
SCHARFRICHTERHAUS
Sulaiman Masomi: Morgen-Land
 
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Den Zuschauer erwarten kluge Beobachtungen und witzige, teils tiefgründe Alltagsgeschichten des Krefelder Rappers und Poetry-Slammers. Gewinner des Scharfrichterbeils 2018.


20:00 Uhr | 25,20 Euro
CINEPLEX
Der jenseitige Abgrund
 

Die österreichische Dokumentarfilmerin Sabine Fuchs geht gemeinsam mit einer Gruppe von Aktivisten und Aktvisitinnen den Globalisierungsprotesten nach den Anschlägen des 11. Septembers auf den Grund. Im Zentrum steht die Frage, wie es zum gewaltsamen Ende dieser Proteste kam.


20:00 Uhr | ab 6,80 Euro

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