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Meinung | Samstag, 25. Januar 20

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Rudolf Klaffenböck in seinem Stück "Best Of": Wer Grenzgebiete abwandert, erlebt einen Tapetenwechsel in die Vergangenheit. (Foto: mediendenk)
Nachtkritik

Analoge Raritäten von Grenzgänger Klaffenböck

Kabarett als Geschichtsunterricht. Ein Kabarettist, der Geschichte schreibt. Rudi Klaffenböck, Jahrgang 1952. Sein "Best Of" ist noch zweimal im Scharfrichterhaus zu sehen: Donnerstag und Freitag, 30. und 31. Januar. Es sind herrliche analoge Raritäten für die digitale Generation.

Hitler ist in der Nibelungenhalle von Passau nie aufgetreten. Klaffenböck als Hitler schon. 2002, beim Jubiläum "25 Jahre Scharfrichterhaus"; zwei Jahre später wurde die Halle abgerissen. Das Filmdokument des Auftritts gibt es an diesem Abend zu sehen. Exklusiv. "Gibt es das auch auf Youtube?", fragt in der Pause eine Zuschauerin. Klaffenböck muss sie enttäuschen. „Österreicher! Deutsche! Passauer!“, begrüßt der Schnauzbärtchenträger in persiflierter NS-Uniform die 2.000 Zuschauer in der Halle. Kein Lacher, keine Buhrufe. Beklemmende Stille. Hitler als Karikatur in einer Stadt mit braunen Schatten. Geht das gut? Die Antwort lieferte der Schlussapplaus.

Noch weiter zurück. 1984. Die Oberammergauer Passionsfestspiele feiern 350 Jahre. Da mischt sich der verkleidete Passauer Kabarettist als Jesus in den Trubel der Premieren- und Ehrengäste, verteilt 30 weiße Nelken. Selbst Franz Josef Strauß nimmt von dem Bärtigen mit der Dornenkrone dankbar eine Blume an. Erst am Einlass fliegt der "falsche Jesus" auf und wird abgeführt. Polizeiauto, Festnahme, erkennungsdienstliche Behandlung. "Ich habe ein Gelübde abgelegt und darf Euch erst um halb drei meinen Namen verraten", foppt Klaffenböck auf dem Revier die Vertreter der Staatsgewalt. Sie sind sie nicht sicher, ob er ein religiöser Fanatiker oder ein politischer Rebell ist. Manche Beamte nehmen es mit schwarzem Humor: "Vor 200 Jahren die Römer, jetzt wir, die Polizei" oder, als sie dem Festgenommenen ein Glas Wasser hinstellen: „Das ist jetzt aber kein Essig!“ Seine Dornenkrone wandert in den Waffenschrank. Die Münchner Zeitungen titeln tags darauf "Falscher Jesus festgenommen!"; Klaffenböck kommentiert die Gazetten später: „Als ob der Oberammergauer Jesusdarsteller der richtige wäre.“

Allein diese Filmdokumentationen vom Jesus-Auftritt und der Hitler-Persiflage sind sehenswert. Aber der Abend liefert weitaus mehr als Leinwandraritäten: die Heino-Parodie, die PNP-Stilblüten, das Grenzgänger-Tagebuch, die Karnevalspredigt und - Musik und Geräusche aus einem Tonbandaufzeichnungsgerät, die der Grenzgänger Klaffenböck auf seiner Wanderung in Wirtshäusern und Gästezimmern des Grenzgebiets mitgeschnitten hat.

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Hinweis an das Finanzamt: Der Reporter hat sich die Karte für 25,20 Euro an der Abendkasse gekauft, da er bekanntlich kostenlosen Pressekarten kritisch gegenübersteht und der Meinung ist, dass Kultur – wie auch seine journalistische Arbeit – jedweder Wertschätzung bedarf. Aus der aktuellen Betriebsprüfung hat er gelernt, dass solche dienstlichen Ausgaben akribisch mit Quittung und erfolgtem Rezensionsnachweis zu belegen sind. Passend zum Kabarettstück lief aber heute alles schief: An der Kasse erhielt der zahlende Journalist keine ausgedruckte Eintrittskarte, weil diese Karte bereits ausgedruckt war, aber der Käufer sie nach erteilter Absage noch nicht zurückgegeben hat. Es handelte sich also um eine nicht zurückgegebene Rückgaberestplatzkarte, die materiell nicht vorhanden war. Der mündlich zugeteilte Platz stellte sich durch einen Reservierungsirrtum als anderweitig verkauft heraus, weshalb der Schreiberling ihn zum Spott der Sitznachbarn – „Journalisten zahlen doch eh´ nichts und können sich das Stück oft genug ansehen“ – wieder verlassen musste. Das Spiel wiederholte sich in aller Peinlichkeit auf dem durch die Platzanweiserin zugewiesenen Ersatzplatz, endete schlielßich auf einem Klapphocker im Tunnelgang und dem süffisanten Kommentar aus der Belegschaft: Das käme davon, wenn ein Reporter aus der Reihe tanzt und seine Karte unbedingt bezahlen will. Der Klappstuhlplatz, das sei hinzugefügt, war sehr bequem und trotz großer Bühnendistanz für die Zwecke des Berichterstatters  hervorragend. Er konnte, ohne Publikum und Künstler zu stören, mit Teleobjektiv ein Fotodokument für diese Rezension fertigen. Dieses Foto war ursprünglich vom Scharfrichterhausbetreiber untersagt, aber in Abstimmung mit dem Künstler erlaubt worden. Der Arbeitseinsatz begann um 19.40 Uhr, Anfahrt mit dem Fahrrad, die Vorstellung endete um 22 Uhr 15 Uhr nach einer 15-minütigen Pause; Rückkehr in die Redaktion um 22.30 Uhr; Ende um 0.30 Uhr nach Einspielen,Bearbeiten und Hochladen der Bildern und Verfassen dieser Zeilen, kostenlos ins Netz gestellt. Diese Zeilen werden dem steuerlichen Eigenbeleg über 25.20 Euro beigelegt. Einnahmen im Gegenzug gibt es dazu bis dato nicht, vermutlich handelt es sich bei Journalismus um Liebhaberei. 

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11:39
Samstag
04. Juli 2020
 
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KULTURKALENDER
04.07. | Samstag
VESTE OBERHAUS
Musikalisches Picknick
 
Oper und Operette im Stil der 20er Jahre. Im Innenhof der Veste begleitet Generalmusikdirektor Basil Coleman am Klavier die Sopranistin Yitian Luan, den Mezzosopranistin Reinhild Buchmeyer und den Tenor Jeffrey Nardone.
18:30 Uhr | 20,00 Euro
DOMPLATZ
Martin Frank & Franziska Wanninger
 
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Sie haben 2018 ihr erstes gemeinsames Kabarettprogramm „Wia d’Semmel so da Knödel“ genannt. Martin Frank, der niederbayerische Landwirtssohn, und Franziska Wanninger, die G´studierte aus Oberbayern. Es geht um Dialekt, Kirche, Liebe und allerlei Alltagsprobleme.


19:30 Uhr | ab 25,50 Euro
RATHAUS-INNENHOF
Quartett Reedguard
 
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Das „Saxophonquartett Reedguard“ spielt Jazz und Balladen, Salsa und Swing. Das Besondere: Die vier Musiker verzichten völlig auf eine Rhythmusgruppe, der Fokus liegt ganz auf ihren Instrumenten.


20:00 Uhr | Eintritt frei, Reservierung erforderlich

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