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Nachrichten | Mittwoch, 14. April 21

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„Ich glaub’ dran!“ steht groß an einer Wand des Altenheims Mariahilf. Die Bewohner haben den Glauben an die Caritas verloren. (Foto: mediendenk)
"Kalt wie eine Hundeschnauze"

Altenheim Mariahilf vor dem Aus

Vom Schutz der Alten ist in diesen Tagen viel die Rede. Ausgerechnet da setzt ein Caritas-Direktor den Rotstift an und verkündet 100 Senioren, ihr Heim stillzulegen.

Diesen Beitrag vom Dezember-Magazin 2020, Nr. 141, bringen wir aus aktuellem Anlass. Der Betroffene geht zurück in seine fränkische Heimat. Angeblich aus privaten Gründen und zur Überraschung der Kirchenleitung.

Die Stimmung ist erdrückend. Egal, wen ich auf dem Gang treffe, es gibt nur noch ein Thema: Wann müssen wir ausziehen, wann werden wir hinausgeworfen?“, erzählt einer der jüngeren Bewohner vom Caritasheim Mariahilf. Er war Pfarrer in Aicha vorm Wald, ist nach einem Kniescheibenbruch auf den Rollstuhl angewiesen. Es hat sich rumgesprochen, dass er einen guten Draht zum Bischof hat.

Caritasdirektor Michael Endres, 52, hat den 109 Rentnerinnen und Rentnern mitgeteilt, dass das Haus in vier Jahren geschlossen wird. Er nennt den Sanierungsbedarf und die zu hohen Kosten.

KNALLHARTE KALKULATION

Gisela P., 82 Jahre alt, eine Frau, die im Versicherungswesen tätig war, sprach den Caritasleiter bei der erstbesten Gelegenheit an. „Ich hab dem meine Meinung gesagt, das gehe doch nicht, dass er uns einfach auf die Straße setzt“, erzählt sie. Die Thüringerin lebt seit zehn Jahren hier und ist als Sprachrohr geschätzt. Für ihr Apartment fallen inklusive Nebenkosten rund 4.500 Euro monatlich an. Sie fand Endres Antwort dreist: „Wissen Sie, Sie müssten eigentlich alle 750 Euro mehr zahlen, um das Heim zu erhalten.“ Es kam zum Streitgespräch, ob der Bischof das abgesegnet und der Oberbürgermeister das genehmigt habe, ob er überhaupt wisse, was Caritas bedeute. In einem Telefonat charakterisiert sie den Caritasdirektor als „kalt wie eine Hundeschnauze“.

Wie viel kostet heutzutage ein Heimplatz, will der Reporter vom Heimleiter wissen, der zufällig vor die Tür getreten ist. Ein hagerer Mann Mitte 50, der aus verständlichen Gründen im Haus angefeindet wird, obwohl er für die Situation nichts kann. Das Haus sei Mitte der 1960er Jahre erbaut worden, erzählt er, vieles entspreche nicht mehr dem Standard. Unabhängig von der Pflegestufe kosten Heimplätze um die 4.000 Euro, etwa die Hälfte muss der Bewohner aufbringen. „Wir haben die Entscheidung bewusst so frühzeitig bekanntgegeben. Vier Jahre sind ein langer Zeitraum.“ Was aus dem Haus werden soll, dazu hält sich die Kirche bedeckt. Auf Anfrage diktiert Endres dem Pressesprecher einen kryptischen Satz: „Immer dann, wenn Plätze frei werden, werden wir den Wohnbereich in Mariahilf anpassen.“

Gisela P. will auf die Frage, ob sie es abreißen, die Antwort gehört haben: „Nein, da kommen Jugendliche rein, Studenten oder Kinderklub oder so was.“ Sie wird nachdenklich: „Wir waren froh, dass wir Corona soweit überstanden haben, jetzt machen die so ein Theater.“

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Ex-Caritas-Direktor Michael Endres. (Quelle: Bistum)
Hat Endres der 82-jährigen Thüringerin tatsächlich so hart geantwortet, dass es um 750 Euro im Monat gehe? Die Caritas bestreitet den Dialog auf Nachfrage nicht, sie begründet ihn. Endres schlüsselt genau auf, wie er auf die Summe kommt. Für die nächsten Jahre würde ein Defizit von 10 Millionen Euro auflaufen; um die „Mindestmodernisierung“ finanzieren zu kön­nen, müssten sie die sogenannten Investitionsbeiträge der Bewohner von derzeit durchschnittlich 11,59 Euro auf mindestens 20 bis 25 Euro anheben. So errechne sich die Summe von 750 Euro.

Gisela P. steht mit ihrem Urteil über den Caritasdirektor nicht allein da. Der Pfarrer lässt beim Gespräch durchblicken, dass er diesen Mann für eine Fehlbesetzung hält, mit seinem Wesen passe er nicht zur Caritas. Es sei vielleicht nicht klug gewesen, jemanden von außen zu holen.

Bischof Stefan Oster hatte den gebürtigen Nürnberger, ein gelernter Speditionskaufmann und Diplomsozialpädagoge, aus dem Frankenland geholt. Für den Bischof und seinen Finanzdirektor sei bei der Ernennung im Oktober 2016 ausschlaggebend gewesen, dass Endres mit der wirtschaftlichen Führung größerer Einheiten vertraut gewesen sei.

191 HEIMPLÄTZE WEG

Sind Alten- und Pflegeheime ein Auslaufmodell? Löst betreutes Wohnen mit ambulanten Diensten die personalintensiven Häuser ab? Diese Fragen der Zukunft beschäftigen nicht nur die Kirche, sondern auch die Stadt. Der Stadtrat hat beschlossen, dass das St.-Johannis-Spital am Rindermarkt, 76 Plätze, getragen von einer städtischen Stiftung, zum Apartmenthaus für betreutes Wohnen im Alter umgebaut wird. Kritiker zitieren den Auftrag des Stifters, die Versorgung notleidender und hilfsbedürftiger Menschen.

Welche Dramen sich hinter den Kulissen abspielen, tritt selten an die Öffentlichkeit. Da ist der 92-jährige Mann im Johannis-Spital, dessen Tochter genauso verzweifelt ist wie er, dass er nach vier Jahren noch einmal umziehen muss. „Vielleicht sterbe ich bis dahin eh“, soll er gesagt haben. Seine Tochter dachte an einen Umzug nach Mariahilf, 115 Plätze Kapazität, weil dort eine 72-jährige Freundin des Vaters lebt. Dann kam die Hiobsbotschaft, dass Mariahilf ebenfalls aufgegeben wird.

Für Gisela P. hat sich das Thema erledigt. Sie hat am 1. Dezember ihre Sachen gepackt und ist in ein Heim nach Fürstenstein gezogen.

Nachtrag: Es gibt eine Wende. Mit Aussicht auf staatliche Förderung besteht Hoffnung, dass das Heim saniert und erhalten werden kann. 

 

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18:05
Sonntag
16. Mai 2021
 
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KULTUR AM BILDSCHIRM
16.05. | Sonntag
OPERNHAUS
Die unsichtbare Hand
 
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Schauspiel des New Yorker Autoren Ayad Akhtar in der Mediathek. Banker Nick wird zur Geisel einer islamistischen Splittergruppe und will sich seine 10 Millionen Euro Lösegeld selbst an der Börse verdienen. Bald gerät er in die Fesseln der allumfassendes Macht des Marktes. Regie: Heinz Oliver Karbus. 


12:00 Uhr | Eintritt frei
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Urfaust
 
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Johann Wolfgang von Goethes Prosastück aus dem Jahr 1775. Eine Tragödie nach der Volkssage um Doktor Faustus. In den Hauptrollen: Ursula Erb als Mephisto sowie Julian Ricker als Faust. Regie: Peter Oberdorf.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
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Madama Butterfly
 
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Giacomo Puccinins weltberühmte Oper weltberühmte Oper erzählt die tragische Liebesgeschichte der Geisha Cio-Cio-San (Yitian Luan), die vom in Japan stationierten Offizier Pinkerton (Jeffrey Nardone) mit einem Kind sitzengelassen wird. Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro
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Die Fledermaus
 
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Verwechslungskomödie von Johann Strauß (1825–1899) um den leichtlebigen Gabriel von Eisenstein (Peter Tilch) und seine untreue Frau Rosalinde (Henrike Henoch). Gilt als Klassiker der Wiener Operettenära und zeigt eine dekadente Gesellschaft. Intendant Stefan Tilch verlegt das Stück ins Pandemiejahr 2020.


12:00 Uhr | Eintritt frei
OPERNHAUS
Die Zauberflöte
 
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Die wohl bekannteste Oper von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahre 1791. Sie erzählt nach einer Geschichte des Straubingers Emanuel Schikaneder vom Prinzen Tamino, der sich in phantastischen Welten beweisen muss. Musikalisch verschmelzen hochdramatische Arien und volksliedhafte Gesänge.


12:00 Uhr | ab 6 Euro
OPERNHAUS
Die Zofen
 
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Die Schwestern und Zofen Claire (Friederike Baldin) und Solange (Ella Schulz) spielen in der Abwesenheit ihrer Arbeitgeberin (Antonia Reidel) "Herrin und Dienerin". Nachdem der versuchte Mord der "gnädigen Frau" daneben geht, vergiftet die eine den Tee der anderen. Ein Schauspiel von Jean Genet (1910-1986). Regie: Markus Bartl.


12:00 Uhr | Ab 6 Euro

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